nicht, meint jedoch, das erstere sei vorzuziehen. Berthold entscheidet für sich die Frage nach der andern Seite. Er redet zwar mehr von den Heiligen im Himme!l, aber diese stellt er doch vollständig auf eine Linie mit den Engeln. Wir lesen p. 97, dass die Heiligen im Himmel zwar auf der einen Seite es leichter haben als die Menschen, insofern sie, gefestet in der Gnade, das Himmelreich nicht mehr verlieren können.»Sô habent ez die tugenthaften liute üf ertriche eines dinges waeger danne die heiligen in dem himelriche: wan die tugenthaften liute mügent wol lõn verdienen üf ertriche die wile sie lebent; daz mügent die heiligen niht getuon. Saut Péter habe im daz er habe: ez wirt im niemer mèêre gebezzert.« Und kurz darauf folgt das merkwürdige Wort, welches wir auch p. 23 finden und welches jedenfalls an Kühnheit seinesgleichen sucht. Wir lesen p. 23:»Unde dar umbe naeme ich die wal, daz ich ein guot mensch waere unde des himelriches sicher waere: sô waere mir dise zit hie üf ertriche lieber ze leben danne ze himelriche.« Nicht ganz in Uebereinstimmung mit der bisher beleuchteten Betrachtungsweise, wonach Engel und Menschen von vornherein in dem göttlichen Schöpfungsplane gleichgesetzt sind, steht eine andere, auf die wir an vielen Stellen stossen und die ursprünglich allein die Engel als Ziel der Schöpfung ansieht, die Menschen aber nur für die abgefallenen Engel eintreten lässt. Es ist das die Lehre Augustins, nach welcher Gott die Menschen erschaffen hat, um aus ihnen die Zahl der abgefallenen Engel zu ergänzen. Hieran schliessen sich dann die weiteren Ansichten Bertholds an, zunächst die von dem Sündenfalle. Diesen führt er wesentlich zurück auf den Neid Lucifers, dass der Mensch seine Stelle einnehmen sollte. Wir lesen p. 198:»Wan dö der tiuvel sach, daz der irdenische mensche sine stat besitzen solte, des hete er nit unde haz, obe er eine unsaelic solte sin, und er wolte die schande niht liden, daz der krenker von natüre die êre solte besitzen, die er boesliche verloren hete. Unde dar umbe riet er dem menschen, daz er sich ouch wider got satzte, daz er gote ze leide unde ze laster ungehörsam würde unde daz er in verstieze als er verstôzen wart.« Also wesentlich auf die Verführung des Teufels führt er den Sündenfall zurück. Was die Wirkung desselben angeht, so scheint es fast, als huldige Berthold einer Ansicht, die schon in ältester Zeit aufgestellt und später mehrfach wieder aufgenommen worden ist, wonach der Baum, von dem Adam ass, ein Giftbaum war. Vielleicht aber haben wir es auch nur bildlich zu verstehen, wenn wir p. 153 lesen:»Wan reht als Adam des libes siechtuom an der- apfel az, alsô az er der séle siechtuom an dem selben apfel. Und als gar vergiftic der apfel was ze sinem libe und als maniger leie siechtuom was des libes, als maniger leie siechtuom was ouch der séêéle mit den sünden« Anders aber ähnlich klingt, was er an derselben Stelle mit Berufung auf Anselm von Canterbury sagt:»dô der slange Adam und Even den ràt getet, unde dô sie dem raàte beidenthalp volgeten unde das obez àzen durch des slangen raät, daà mite slikten sie alle die vergift und allez das eiter, daz in dem slangen was, unde von der selben vergift dö wurden wir ze dem Übe unde ze der séle siech« Der Zustand der Vergiftung geht also auf die Nachkommen Adams über. Es heisst p. 198:»Wan wir alle waren in Adame als der kern in einem apfel und als der apfel in dem boume, daà erbte ouch uns sine sünde an, als dà obez von dem verbotenen boume wehset.« Den Zustand unter der Erbsünde beschreibt er an demselben Orte folgendermassen:»Unde wan wir dõ beroubet wurden der menschlichen nàâtüre, die dü uns von gnàâden hetest geben, daz wir àne sünde nnd àne ungemach möchten gelebet haben, sô werden wir nü alle blôz geborn àne die gerehtikeit, unde wir sin des bittern töôdes mit manigem ungemache.« Genaueres findet sich nicht; jedenfalls dehnt aber Berthold jene Beraubung nicht soweit aus, dass sie auch den Verlust des freien Willens in sich
Jahrgang
1886
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