Jahrgang 
1886
Einzelbild herunterladen

einzunehmen habe. Dass Berthold aber nicht nur die Ohren zu bezaubern, sondern auch die Herzen zu lenken verstand, auch darüber enthalten die Zeugnisse interessante Mitteilungen. Sie erzählen, wie er einmal in Graubünden durch eine Predigt über den Besitz ungerechten Gutes den Ritter Albrecht von Sax bestimmt habe, das Schloss Wartenstein und die Vogtei, die er widerrechtlich inne hatte, an das Kloster Pfäfers zurückzugeben; wie er ein anderes Mal zu Piorzheim den Ritter Ludwig von Liebenzell vermochte, einen langwierigen Streit mit der Markgräfin Irmingard von Baden auf gütlichem Wege beizulegen. Dass das Volk nicht verfehlt haben werde, seinem Lieblinge auch Wunder anzudichten, kann man von vornherein annehmen. So wissen denn die Zeitgenossen wirklich von Wundern zu erzählen, die er gethan, und zwar von Wundern der That sowohl als von Wundern des Wissens z, B. dass er einst eine Buhlerin durch das Schwert seines Wortes getötet, dann aber durch sein Gebet wieder auferweckt habe; ferner dass er einmal unter seinen Zuhörern habe collektieren lassen, um eine reuige Sünderin zum Zweck ihrer Verheiratung auszustatten, und dass er plötzlich von seiner Kanzel aus dem Sammeln Einhalt gethan habe, weil die bestimmte Summe schon zusammen sei, was sich dann beim Zählen des gesammelten Geldes auch als richtig herausgestellt habe. Wenn Berthold dessen ungeachtet nicht heilig gesprochen worden ist, so ist nach Pfeiffer als Grund dafür dies anzusehen, dass er ein Deutscher war. Pfeiffer erzählt aber, dass trotzdem ihm eine Ehre zu teil geworden ist, die sonst nur Heiligen und Fürsten zu werden pflegt, nämlich dass seine irdischen Ueberreste sorgsam aufbewahrt worden und zum grössten Teile noch in Regensburg vorhanden sind.

Gehen wir nun dazu über, die geistige Persönlichkeit des Mannes kennen zu lernen, so wird es für unsern Zweck hauptsächlich auf den Gedankenkreis ankommen, in dem er sich bewegte. Natürlich war dieses wesentlich ein theologischer. Berthold hätte freilich nicht der populäre Prediger sein können, der der war, wenn ihm nicht auch die Vorstellungen des Volks geläufig gewesen wären. Dass sie es waren. davon finden sich viele Spuren. Wir wollen nur anführen, was er von der Schädlichkeit der Katzen sagt(p. 402 f. der Pfeifferschen Ausgabe.) Aber sein eigentliches Heim, der Mittelpunkt, auf den sich all sein Denken bezog, war selbstverständlich die Theologie. Es wird uns ferner auch nicht Wunder nehmen, bei Berthold im allgemeinen nur die dogmatisch-ethischen Ideeen seiner Zeit wiederzufinden, wie sie namentlich durch Peter den Lombarden in seinen Sentenzen zu einem herrschenden System susammengestellt worden waren. Denn wenn doch Bertholds Bedeutung auf Seiten der Beredsamkeit zu suchen ist, so werden wir von vornherein an ihn nicht den Anspruch erheben aut Originalität der wissenschaftlichen Gedankenproduktion. Dass sich bei Berthold von abstrakten Gedanken über Gott an sich und die Dreieinigkeit so gut wie gar nichts findet, dies ist bei einem Mann seines Schlages nicht auffallend. Es versteht sich eigentlich von selbst, dass es das Verhältnis Gottes zu den Menschen und umgekehrt ist, womit er sich beschäftigt. Was da zunächst den Beweggrund zur Schöpfung angeht, so ist es die göttliche Liebe, die Berthold in Uebereinstimmung mit Peter dem Lombarden als solchen ansieht.»Er endorfte unser niht, sagt er(p. 95), und er enhaete niemer freuden deste minner gehabet noch êren.« Aber in seinen Freuden und Ehren» gedahter: ich wil zwô kréatiure machen, die miner freuden teilhaftic werden! Unde durch die grôze minne unde durch die grôze triuwe geschuof er die heiligen engel unde die menschen, daz er die grôze freude unde die wünne unde die ére, diu er selber ist, niht eine wolte niezen.« Diese zwei Classen von Wesen hat Gott bei der Schöpfung im Auge. Sie sollen ihr Glück suchen und finden, indem sie Gott dienen. Die unter dem Menschen stehenden Geschöpfe

sind mit Beziehung auf den Menschen geschaffen, nämlich sie sind seinem Dienste unterworfen. 1*