Wir aber, seine Amtsgenossen. werden ihn schmerzlich vermissen, den bescheidenen, gewissen- haften, uns und sich treuen Menschen. Gern war er unter uns. Als Anfang vorigen Jahres an ihn die Frage herantrat, ob er geneigt sei, an ein anderes Gymnasium unseres Landes überzugehen, da zog er es vor, in Eisenach zu bleiben. Der Reiz unseres ehrwürdigen Klosters hielt ihn umfangen. Seine Tätigkeit befriedigte ihn vollständig. Liebe Freunde verschönerten ihm das Leben. Wir freuten uns über seinen Entschluß und hofften noch eine lange Strecke Weges gemeinsam in dem Gebiete der Jugenderziehung zu wandern.
Da rief der Kaiser sein Volk zum Kampf. Keinen Augenblick zögerte Dr. Dietrich, seine Kraft dem Vaterlande zu weihen. Weil er glaubte, eines Herzfehlers wegen nicht mit der Waffe dienen zu können, meldete er sich als freiwilliger Krankenpfleger. Unter Schwierigkeiten eilte er am ersten Mobilmachungs- tage von Jena zu mir, noch ganz erfüllt von der gewaltigen Begeisterung, die dort Universität und Bürger- schaft gepackt hatte. Gern habe ich sein Gesuch um Urlaub für einen Samariterkursus in Jena befürwortet. Ja, er war bereit auch in dem Falle. daß ihm sein Gehalt nicht weitergezahlt würde, bei seinem Vorsatz zu beharren. Aber das Angebot von freiwilligen Krankenpflegern war zu groß. Auf die Etappen kamen nur geschulte Männer hinaus. So hielt er es denn für richtiger, seine gewohnte Tätigkeit an unserem Gymnasium wieder aufzunenmen. Hier fand er reichlich Gelegenheit. für sein Vaterland zu wirken dadurch. daß er seine Schüler erwärmte und begeisterte für die große Zeit, die wir durchleben durften. Ihr erinnert euch, wie wir gerade vor einem Jahre einige Geländeübungen unternahmen. Denkt ihr noch an den großen Kampf oben am Burschenschaftsdenkmal oder an den spannenden Felddienst auf der„Wilden Sau“ oder den Sturm auf den Petersberg? Überall war er munter dabei. O, wie wehmütig stimmt uns jetzt die Erinne- rung an die schönen Lieder, die wir damals sangen auf unserem dunklen Heimweg um die Wartburg herum. Wie begeistert sang er mit uns„In der Heimat, in der Heimat, da gibt's ein Wiedersehen“ und„Ich hat einen Kameraden“ und jetzt heißt es von ihm selber:
„Eine Kugel kam geflogen; Gilt's mir oder gilt es dir? Ihn hat es weggerissen,
Er liegt mir vor den Füßen, Als wär's ein Stück von mir.“
Hilfsbereit stellte er sich in den Dienst anderer Schulen, denen durch den Krieg ein Teil der Lehr- kräfte entzogen war. Noch im Januar 1915 übernahm er Geschichtsunterricht im Seminar, gern die Gelegen- heit benutzend, den Unterrichtsbetrieb an dieser wichtigen Bildungsanstalt kennen zu lernen.
Ende Februar wurde Dr. Dietrich gleichzeitig mit Herrn Zugwurst zum Landsturm einberufen. In Coburg genoß er die erste militärische Ausbildung. Mit freundlichem Humor nahm er die Schattenseiten des Kasernenlebens in Kauf in der Erkenntnis, daß gerade der gebildete Mann im stillen Ertragen der kleinen Unannehmlichkeiten ein Vorbild für die leichter mutlos werdenden Kameraden aus einfachen Lebensverhält- nissen sein müsse. Glücklich schrieb er uns, wie gut ihm der Kriegsdienst bekäme. Seine Kräfte schienen gewachsen zu sein. Von Herzschwäche spürte er nichts mehr. Mit Stolz berichtete er. daß er ohne Schwie- rigkeit die schwersten Anstrengungen ertrüge. Mit Leib und Seele war er Soldat und sehnte den Augen- blick des Ausrückens herbei. Im Mai kam er hinaus nach Flandern, wo er der 10. Kompagnie des Res.- Inf.-Regts Nr. 235 zugeteilt wurde Am Vserkanal, Vpern gegenüber, hat sein Regiment den Platz. Schlach- ten wurden hier nicht geliefert, aber ein andauernder Schützengrabendienst stellte die Nerven unserer Kämpfer auf eine harte Probe. Der sonnige Humor unseres Freundes beherrschte auch jetzt die Lage. Vor knapp zwei Wochen schrieb er, soeben zum Gefreiten befördert:„Die Flinte rostet, der Spaten glänzt. Herr der Heerscharen ist der Pionier. Wir schaufeln uns langsam für den Winter ein... Gut ausgebaute Gräben. dicke Unterstände, gute Wollsachen lassen uns Kälte und Regen weniger empfinden. Unser ganzer Ge- dankenapparat ist jetzt auf Stinkgase eingestellt. Sie müßten uns sehen, wenn wir mit den Gasabwehrmitteln auf Magen. Herz und Rücken unsere Straße ziehen. Die alten Raubritter würden sich im Grabe umdrehen.“
Das ist das letzte Lebenszeichen, das wir Lehrer von ihm haben. Verstummt ist sein Mund, gebrochen sein Auge. Seine irdischen Uberreste umschließt ein Grab auf dem Soldatenfriedhof in Westrosebeeke. Bald wird sich auf seinem Hügel ein schlichtes Kreuz erheben, gefertigt von der Hand unserer Pioniere, die unermüdlich die Kriegerfriedhöfe auf Flanderns blutgetränktem Boden pflegen. O könnten wir jetzt auf diesem teuern Flecke Erde stehen. und ihn mit den Zeichen unserer Liebe schmücken. Aber nach der Ferne können wir nur die Gedanken unsrer Liebe schweifen lassen. Doch haben wir wenigstens die Beruhigung, daß Herr Zugwurst an Ort und Stelle der Dolmetsch unserer Gefühle gewesen ist. Wir trösten uns mit dem Wort, das Perikles den Opfern des peloponnesischen Krieges in seiner herrlichen, bei Thukydides über- lieferten Leichenrede zuruft:„Das Grab ausgezeichneter Männer ist die ganze Welt. Ohne Denkmal und Inschrift lebt ihr Andenken fort als Zeugnis für ihre Tat, mehr noch für ihre Gesinnung.“
Bei unserer Trauer vergessen wir nur zu leicht unseren Helden selbst. Preisen wir ihn doch glück- lich wegen seines schönen Soldatentodes! Er ist nicht verstümmelt worden, auch hat er nicht lange hilflos vor der Brustwehr zu liegen brauchen. Keine Schmerzen haben ihm die letzten Stunden erschwert. Sanft und ruhig ist er zum ewigen Leben hinübergeschlummert.


