Leider trauern wir aber auch um einen teuren Lehrer. Am 23. Oktober 1915 fand Herr Oberlehrer Dr. Paul Dietrich, Gefreiter des Landsturms im Res. Inf.-Rgt. Nr. 235, in Flandern den Heldentod. Sein freundliches Wesen und seine hohe Berufsauffassung sichern ihm ein dauerndes Andenken in den Herzen seiner Amtsgenossen. Seine Schüler verlieren an ihm nicht nur einen erfolgreichen Lehrer, sondern auch einen warmherzigen Freund. Es wird uns schwer, die Zukunft ohne ihn zu denken. Ihm zu Ehren kamen wir am 29. Ok- tober nach der Abendmahlsfeier zu einer Trauerandacht zusammen. Ihren Mittelpunkt bil- dete die folgende Gedächtnisrede des Direktors:
„Zu einer ernsten Feier haben wir uns heute vereinigt. Es heißt jetzt Abschied nehmen von dem jüngsten eurer Lehrer. Am 23. Oktober ist Herr Oberlehrer Dr. Paul Dietrich im fernen Flandern den Helden- tod für das Vaterland gestorben. Am letzten Dienstag drangen die ersten Gerüchte von seinem Hinscheiden zu uns. Wenn auch an ihrer Wahrheit kaum noch ein Zweifel zu haften schien. so wollten wir sie doch nicht eher glauben, als bis zuverlässige Mitteilungen von seiner Familie vorlagen. Am folgenden Tage sahen wir leider die traurige Tatsache auch von dieser Seite ebenso bestätigt wie durch einen Brief unseres Amtsgenossen Herrn Zugwurst, der in dem Schwesterregiment des Verblichenen steht. In einem der vordersten Schützen- gräben bei Vpern im Angesicht der Engländer hielt Dr. Dietrich vor einer Schießscharte die Wacht. Da krachte der Donner eines feindlichen Maschinengewehres. Die Brustwehr des Grabens sank in Trümmer. Ein Kopf- schuß hatte unseren Freund getroffen und sofort der Besinnung beraubt. Kameraden brachten ihn in das Lazarett. Dort hat er noch drei Tage gelebt, ohne das Bewußtsein wiederzuerlangen.„Wenn er noch etwas gemerkt haben sollte,“ schreibt Herr Zugwurst,„so waren es die tragenden und stützenden Hände treuer Freunde, und deren hatte er viele in der Kompagnie.“ Nun ruht er fern von uns auf einem der vielen Kriegerfriedhöfe des Westens. den stummen und doch so beredten Zeugen des männermordenden Welt- krieges. Um ihn trauern eine Mutter. eine Schwester und ein jüngerer Bruder. der als Kriegsfreiwilliger für das Vaterland kämpft. Mit ihnen klagen wir, Lehrer und Schüler des Eisenacher Gymnasiums. um den vor- trefflicnen Menschen. Sein Tod ist die erste Lücke, die der Krieg in unserem Lehrerkreise gerissen hat. Kaum zwei Jahre hat er an unserer Anstalt gelehrt, aber er war so fest in sie hineingewachsen. daß es uns vorkommt, er sei schon weit länger mit ihr verbunden gewesen.
Am Anfang dieses Monats, am 5. Oktober, hat er das 29. Lebensjahr vollendet. Er wurde geboren als der Sohn eines Lehrers in Orlishausen. Seine Gymnasialbildung empfing er in Jena, während seine Fa- milie inzwischen nach Hardisleben bei Buttstädt und dann nach Stadtlengsfeld übersiedelte. wo sein Vater Rektor der Bürgerschule geworden war. In Jena lernte ich ihn kennen. als ich am dortigen Gymnasium meine Lehrtätigkeit begann. Er war damals Primus der Untertertia und erfreute sich wegen seines Eifers und seines bescheidenen Wesens der größten Hochachtung seiner Lehrer. Nach Ablegung der Reifeprüfung widmete er sich dem Studium der Altertumswissenschaft und Geschichte. Im Zauber des sagenumwobenen Heidelberg ließ er sich einführen in die Wissenschaft. Dabei war er ein fröhlicher Gesell, der die Freude des Burschentums heiter genoß. Dann kehrte er nach Jena zurück, wohin seine inzwischen verwitwete Mutter ge- zogen war. Hier erwarb er sich die Doktorwürde und schloß mit erfolgreicher Staatsprüfung seine Studien ab. Von Michaelis 1911 ab gehörte er dem Gymnasialseminar in Jena an und trat ein Jahr später als Probe- kandidat zum Gymnasium in Weimar über. Hier war es neben anderen Lehrern auch mir vergönnt, seine weitere Ausbildung zu fördern. Zwölf Jahre hatte ich von ihm nichts gehört. Um s0 mehr freute ich mich, aus dem strebsamen Schüler einen verständnisvollen Berufsgenossen geworden zu sehen. Damals ahnten wir beide noch nicht, daß wir uns nach kurzer Zeit in Eisenach zu gemeinsamer Arbeit zusammenfinden sollten. Es war mir eine Genugtuung. ihn schon bald nach Beginn meiner hiesigen Wirksamkeit zur festen Anstellung empfehlen zu können.
Wer den Beruf eines Lehrers ergreift, muß von einem hohen Idealismus und von warmer Liebe zur Jugend beseelt sein. Nicht äußere Ehren oder großer Gewinn erwarten ihn. aber der lebendige Ver- kehr mit der munteren Jugend und das Bewußtsein, sie für den Dienst am Vaterlande und an der Wissen- schaft zu erziehen, sind tiefe Quellen inneren Glückes. Unser Entschlafener war mit Lust und Liebe Lehrer. Durchdrungen von der Uberzeugung. daß nur sichere Vorkenntnisse imstande seien, den Zugang zu den höheren Stufen der Schulwissenschaften zu erschließen, hat er in seinem Unterrichte auf der Unter- und Mittelstufe seine Schüler zu peinlicher Genauigkeit und Gründlichkeit des Arbeitens angehalten. Dafür werdet ihr ihm danken, liebe Schüler, wenn ihr in den oberen Klassen den Nutzen einer derartigen Vorarbeit an euch selbst erfahret. Selbst ein Muster von Pünktlichkeit und Pflichttreue verlangte er auch von seinen Schülern die gleichen Tugenden. Aber ihr kennt ihn ja nicht nur aus dem Unterricht, ihr denkt auch gern an den freundschaftlichen Verkehr. den er außerhalb der Schule mit euch pflegte. Wie oft ist er mit euch hinausgezogen zu fröhlicher Wanderfahrt, wie gern hat er mit euch auf der Katzenau unsere schönen Turnspiele geübt! Kaum ein Spielnachmittag verging, wo er nicht auf dem Spielplatz geweilt hätte. Man- chen von euch hat er mit Lesestoff versorgt und auch gern von euren Bücherschätzen sich geben lassen.
Für dies alles dankt ihr ihm nicht allein, dafür danken ihm auch eure Eltern, die euch unter seinem Schutze in guter Obhut wußten.


