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eigenhändige Dienstleistung der Königstochter und konnte sich die einst einwandfreie Sitte nicht mehr so denken. Wenn also der jüngere Dichter der jetzigen Odyssee die alte Kunde wiedergibt und als naiv darstellt, So tut er das im Bewußtsein: so gehört es einmal zum Stil. Er wird ferner die hesiodeische Mißdeutung gekannt, also auch an eigenhändige Bedienung geglaubt haben. Er konnte das um so leichter, als die Verhältnisse bei Nestor ja ursprünglich keinerlei Sklaven voraus- setzen und, abgesehn davon, daß einmal die typische Schaffnerin erwähnt wird, die Königssöhne alle geringen Dienste selbst besorgen( 33, 423 f., 439 f., 471 ff.). Nun paßt freilich wieder in die ursprünglichen, einfachen Verhältnisse der mykenische Luxus des Wannenbades nicht hinein, also ist die Erzählung schon von vornherein köonventionell: das Bad gehöõrte einmal zur Gast-— freundschaft, und Nestors Kinder tun alle Dienste selbst. Vielleicht hat hier auch schon Ares' Baden durch Hebe vorbildlich gewirkt. Jedenfalls, meine ich, ist die Bedeutung von obew in der Odyssee selbst nicht einheitlich, wenn sie„ 296 offenbar faktitiv ist und hier in nicht. Diese stehende Sitte wird eben immer wieder erwähnt, wie etwa im Nibelungenlied ankommende Boten in der Audienz regelmäßig aufgefordert werden, sich zu setzen, und dann erklären, stehend ihre Botschaft sagen zu müssen. Dabei setzt der Dichter dann in die einmal gegebenen Verse einfach einen zur Situation passenden Namen, ohne sich sonst um Einzelheiten zu kümmern. Ein Beweis dafür ist auch, daß Odysseus an der noch zu besprechenden Stelle G 210 f. sich gegen diese Sitte sträubt, nachher aber sich ganz ruhig von Aretes Dienerinnen und zu Hause von Eurynome bedienen läßt( 454,% 154). Es ist also müßig, zu untersuchen, wie im Einzelnen das Baden durch Helena, Kirke und Kalypso gedacht ist. Dichter und Hörer haben sich bei der weiblichen Badebedienung sicher gedacht: das ist ein typischer Zug der Vergangenheit¹) wie die Hirtendienste junger Adliger; sie haben sich auch sonst wohl ihre Gedanken gemacht, das zeigt neben„ 464 auch ε 210 f. Auch der Umstand, daß diese Sitte in der Odyssee viel häufiger vorkommt als in der Jlias, ist verdächtig: in der Nias hätte sie ebenso häufig angebracht werden können, nämlich jedesmal wenn die Helden ermüdet oder verwundet in das Lager oder in die Stadt zurückkehren, wie sie in t, und X angebracht ist; die Stelle K 572 f. ist noch nicht erwähnt, wo Diomedes und Odysseus erst in das Meer und dann in die Badewannen steigen und keine Bedienung erwähnt, aber wenigstens ein Formelvers verwandt ist. Es liegt im Wesen der Konvention, daß sie sich immer breiter macht, bis sie— den Widerspruch hervorruft. Aber wir können infolge
der ständigen Wiedererzählung dieser Sitte aus ihr nicht ohne weiteres einen Schluß ziehn auf
die Stellung der Sklavin und auf die sittlichen Anschauungen Homers.
Den Protest gegen diese Sitte bringt die merkwürdige Stelle 210 ff., wo Odysseus durch Nausikaas Mägde beim Baden bedient werden soll. Sie fordern ihn auf, sich nach der gewohnten Weise zu setzen, offenbar an einer ganz flachen Stelle des Flusses, um ihm beim Waschen, Salben und Ankleiden behülflich zu sein; er will aber alles allein tun, sie sollen fern bleiben, vri' e re e ⁰oode, Ade⁴⁵ ᷣᷣ ονυυdςeνα zososouν Sokozdso ⁵Ao? (221 f.). O. Henke erklärt in seinem Kommentar:„νμηνισνσσαꝓù*νμμι ειιμ„in meiner Blöße erscheinen unter“, denn unbekleidet ist der Held ja schon vorher¹) und hat sich nur, der Not gehorchend, den Jungfrauen genaht.
Offenbar steht diese Weigerung im Gegensatz zu der hinlänglich beschriebenen Sitte. Finsler (S. 132) erklärt nun, Odysseus weise die Mädchen ab,„nicht weil er nackt ist, denn wenn das
¹) Es lätzt sich wohl nicht ermitteln. wann die Sitte aufgehört hat; in der„nachhomerischen Zeit“ existiert sie nicht mehr, vgl. J. v. Müller, Griech. Priv. Altt. S. 132 f. Nach Hesiods Mißdeutung halte ich es nicht für zweifelhaft, daß sie ein Stück„mykenischer“ Kultur war und mit ihr verging.
¹) Es tut nichts zur Sache, daß dieser Vers als unsinnig für unecht erklärt wird, von manchen auch der vorher- gehende. 3


