Jahrgang 
1909
Einzelbild herunterladen

16

Vor allem hat er von Odysseus Stellung zu den Frauen nicht die Auffassung des Kirke- Abenteuers, das auch durch seinekomische Taktlosigkeit, im Gegensatz zum Kalypso-Abenteuer, seinen späten Ursprung verrät. Daßz Odysseus bei den Phäaken stets auf Schicklichkeit(diαα) bedacht ist, wird von Marx und Mülder betont, allerdings als Vorwurf gegen den Dichter. Aber außer in den Apologen steht der Held überhaupt auf einer sittlichen Höhe, die zu jenem Protest in vollem Einklang steht: so in( 125 ff.) seiner Rede an Amphinomos über die Vergänglichkeit des Menschen und seine sittlichen Pflichten, die von A. Römer einem sophokleischen Chorlied verglichen wird. So in seinem Verbot(7¶J 412), über die erschlagenen Feinde zu jubeln, das so seltsam von dem Brauche der Nias absticht und auch unserem Gefühl überraschend kommt. ¹) Wenn die ungetreuen Mägde es mit den Freiern halten, so wird Odysseus weniger über ihre Untreue wütend als über ihr Verhältnis zu jenen. Und dies ist auch der Hauptgrund, weswegen sie hingerichtet werden(cf.» 7 f.; 7 445. A. Römer, hom. Studien S. 29). Solche sittliche Ver- urteilung kann freilich nur jemand vollziehn, der so noch steht wie dieser Odysseus, den man wie Parzival einen Priesterkönig nennen mõchte. Schön weist E. Rosenberg(Neue Jahrb. 1897. II. Abt. S. 138 ff.) auf den Gegensatz zwischen Odysseus und Agamemnon hin, der in 4 hervor- tritt:Ag. ist als weichherziger, den Frauen allzuergebener Mensch geschildert, ein Mann, wie er der Natur des Odysseus nicht sehr sympathisch ist... Odysseus hatte ja keine Kassandra weg- geführt und keiner Kalypso oder Kirke sein Herz gegeben. Nicht nur Penelope wird dort nach- drücklich zu den Atridenfrauen in Gegensatz gestellt, sondern also auch der Mann, der das Familienleben als größtes Glück empfindet, der die sittliche Wirkung solcher Gemeinschaft kennt und in sich verkörpert.

Auch in der Nias erscheint der Held so und stimmt darin mit den meisten überein, die gegen oder für Troja kämpfen, wie sich in vielen kleinen Zügen zeigt. Das ist gewiß ein Geist, der sich mit der Existenz von Nebenfrauen nicht verträgt. Auch in Achills Charakter erkennen wir ein Steigen der sittlichen Anschauung: die Herausgabe von Hektors Leiche war einmal auch ein Protest gegen den allgemeinen Brauch, die Leiche des Feindes zu schänden(vgl. P 126, 176, N 204, F 499, X 347). Z 417 heißt es von ihm, daß er Eetion aus Scheu nicht der Rüstung beraubte, ebenfalls ein Zug, mit dem der Dichter seinen Helden idealisieren will, mit dem er auch den späteren Griechen gegenüber einsam dasteht. Und mit der Ruhmbegier, die ursprüng- lich das Wesen Achills ausmacht, streitet in seiner Brust die Sehnsucht nach ehelichem Glück (1341 f., 398 f.).

Wir sind mit einem Längsschnitt durch die Frage nach der Stellung der Frau bei Homer von kulturgeschichtlichen Anfängen in das rein Ethische hinübergeglitten. Jede ethische Betrach- tung des ältesten Griechentums wird so vorgehn müssen; sie kann ferner nicht ohne Rücksicht auf das dichterische Werden auskommen, kann aber auch ihrerseits der litterarischen Betrachtung von Nutzen sein. Wir haben einige Faktoren berührt, die für die Anfänge der griechischen Ethik von Bedeutung gewesen sind²); deren wichtigster ist aber die Persönlichkeit des Dichters.

Handlungen begehn, keine Eigenschaften besitzen, welche sie in den Augen der Leser herabwürdigen könnten. Wenn dies noch heute Geltung hat, wie viel mehr im griechischen Altertum, dem der Begriff objektiv historischer Beurteilung immer fremd geblieben ist.

¹)Die aus der Tiefe sittlicher Anschauung sich ergebende Erkenntnis, daß die Strafe der Frevler ein Werk der Götter und er selbst nur der Vollstrecker des göttlichen Strafgerichts sei, also sittliche Höhe, ‿ανοονυꝛzp:. Worte O. Rößners(Merseburger Progr. 1904), die ich nur kenne aus: H. Heubach, die Odyssee als Kunstwerk in der Lektüre des Gymnasiums und an höheren Schulen. Langensalza 1906 S. 143.

*) vgl. die beiden Programme von R. Holsten, Die Bedeutung des 7. Jahrhunderts für die Entwicklung d. sittl. Ansch. d. Griechen. Stettin 1903. Und: Griechische Sittlichkeit in myken. Zeit. Pyritz 1908.