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ungehörig wäre, hätte doch Nausikaa den Dienst nicht von ihren Mädchen gefordert. Vielmehr grämt sich der Held, daß er so scheußlich aussieht, und wünscht die Säuberung allein vorzunehmen. Die Mädchen treten zurück und sagen es Nausikaa, ein deutlicher Beweis, daß die Ablehnung für sie etwas Auffallendes hat, also ungewöhnlich ist“. Aber dann hätte sich der Held doch wenigstens beim Salben und Anziehn helfen lassen können. F. Marx(Rhein. Mus. 42(1887) S. 251 ff.) meint, das Baden durch die Maädchen unterbliebe hier, weil diese nicht in den Fluß hätten steigen können, und fährt dann fort:„Es lag nahe, ihn auch ihre Hilfe beim Salben und Ankleiden abweisen zu lassen, sei es aus Bescheidenheit, sei es, weil Odysseus es selber besser zu machen glaubte, sei es daß der Dichter den Odysseus lieber allein läßt, um hier am passendsten die wunderbare Verschönerung vornehmen zu lassen.“ Statt mich auf Einzelheiten einzulassen, die sich gegen diese Fülle von Annahmen anführen ließen, möchte ich auf eine Parallele aus dem deutschen Epos hinweisen, die ich für einleuchtend halte. Bei Wolfram(III Str. 167) läßt sich zwar der junge Parzival in der Badewanne von den bedienenden Mädchen abwaschen und seine Wunde behandeln, als sie aber ihm das Badetuch reichen und dann auch die neuen Kleider anziehen wollen, da schämt er sich und jagt sie aus dem Zimmer, offenbar sehr zu ihrer Ueber- raschung. Sichtlich protestiert der Dichter hier gegen eine ihm anstößig erscheinende allgemeine Sitte, wie er denn trotz seiner Begeisterung für das Rittertum vielfach an ihm Kritik übt und dem französischen Vorbilde gegenüber allenthalben seinen Helden sittlich hebt.¹) So sehe ich auch in unserer SStelle die persönliche Meinungsäußerung des Dichters; Pindar und Xenophanes haben freilich andere Gelegenheit, ihre Proteste zu äußern. Gewiß ist zuzugestehn, daß die Situation hier etwas anders ist als sonst beim Baden, daß für den reinen Toren Wolframs eine solche Weigerung angebrachter erscheint als für den vielerfahrenen Odysseus. Aber ich kann doch in ihr nicht mit F. Marx einen Zug von Prüderie sehn, und zwar„des klügelnden Rhapsoden, dem die orientalische Sitte und Denkweise das Verständnis für die Naivetät des alten Epos benommen hatte.“ Diese Aeußerung zeigt wieder, daß man mit Anwendung unserer Begriffe auf fremde Zustände nicht vorsichtig genug sein kann. Abgesehn davon, daß die Orientalen vielfach durchaus nicht prüde sind, stammt ja wie im Mittelalter die Sitte des Badens in Wannen und mit weiblicher Bedienung aus dem Orient. Uebrigens sind die homerischen Griechen trotz jener Badesitte Z. T. prüder als die geschichtlichen: 261 f. erscheint es als Schande, wenn ein Mann öffentlich nackt geht, die Faust- und Ringkämpfer in 7 sind mit dem Gürtel bedeckt, was bekanntlich Thukydides ( 6) für prüde hält. Odysseus tut überdies nur etwas, was doch auch unserm Gefühle entspricht, und nach dem oben Ausgeführten dem Gefühle Hesiods und des Odyssee-Dichters, sowie seiner Hörer. Der Anlaß, gerade hier diese Weigerung anzubringen, scheint nicht schwer zu erkennen: die ganze Nausikaa-Episode ist offenbar von einem Dichter neu gedichtet, der Odysseus möglichst ideal erscheinen lassen will. Etwas, das ihm selbst nicht gefällt, will er seinen Helden nicht tun lassen, er will mit diesem Proteste ihn auf Scheria günstig einführen, einerlei, ob er diesem aus einer anderen Dichtung übernahm oder hierfür eigens erfand, wie ich glaube. ²)
z) Chrétien de Troyes ist jedenfalls, direkt oder indirekt, Wolframs Hauptquelle cf. Vogt und Koch, Geschichte der deutschen Litt. I 114 f.— An der betr. Stelle Chrestiens wird übrigens das Baden gar nicht erwähnt: Wolfram setzt die ganze Szene hinzu, um Gelegenheit zu haben, seinen Helden in seinem Sinne zu charakterisieren(cf. Perceval le Galois ed. Ch. Potvin, Mons 1866 p. 94). Wer einmal einige Partien bei Chrestien und Wolfram vergleicht, findet, wie der deutsche Dichter überall seine ideale Anschauung hineinträgt, z. B. im Verhältnis zu Kondwiramur, das bei Chr. wie das zwischen Odysseus und Kirke dargestellt wird, während bei Wolfram Parzivals keusche Gattenliebe und Treue ein Hauptmotiv ist(Z. B. sein Widerstand gegen die Lockungen der dämonischen Orgiluse). Auch sonst gibt es Parallelen zwischen Wolframs Darstellung des Parzival und der oben ausgeführten Auffassung Von Odysseus.— W. Hertz, Parzival S. 451, spricht von der Poesie des Gemüts, welche Chr. nicht zu Gebote steht.„Die Kälte des französischen Dichters steht in engstem Zusammenhange mit seiner Geringschätzung des Weibes, welche gegen die konventionellen Formen des Frauendienstes so seltsam absticht.“
²) Ich finde eine ähnliche Auffassung auch bei O. Seeck, Quellen d. Odyssee S. 156 f. Er sagt über die modernen Romane:„in keinem derselben wird von dem Helden oder der Heldin etwas erzählt, was nach den Sitten unserer Zeit direkt unziemlich wäre, auch wenn es zum Kostüm der geschilderten sehr gut passen würde. Diejenigen Personen, in welchen der Dichter das Ildeal von Mann und Weib, wenn auch ein historisch bedingtes, verkörpern will, dürfen keine


