Jahrgang 
1909
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für die Entstehung des Epos scheint es mir sicher, ebenso wie die Streitwagen erst nachträglich in die Kämpfe der Nlias hineingebracht sind.

Es ist selbstverständlich, daß in solcher Hausgemeinschaft die Frauen zu arbeiten haben, die Männer aber auch, denn das ist der Zweck des Ganzen. Dabei können die Frauen recht wohl eine hohe Stellung haben. Das können sie sogar, wenn die Männer wenig arbeiten, wie das Beispiel der Nordindianer zeigt(Lippert II S. 33 f.) und wie es von den Germanen bekannt ist, Wo den Frauen die Viehwirtschaft und alle häusliche Arbeit zufiel(Germ. 25). Eine Parallele aus dem Nibelungenlied erklärt wohl auch das Verhältnis der Frauen solcher Gemeinschaft unter einander: nach Siégfrieds Heirat dankt sein Vater ab, aber seine Mutter bleibt noch 10 Jahre bis zu ihrem Tode die wirkliche Königin, d. h. doch wohl Vorsteherin des königlichen Hofes(V, 661 L.).

Nun beruht unsere Vorstellung von Aretes hoher Stellung nur auf dem, was Nausikaa und Athene vorher darüber sagen; wie die Erzählung jetzt ist, bot sich für eine Betätigung ihres Charakters keine Gelegenheit. Anders steht es mit Hekabe: ihr gibt das Leid Anlaß, ihr rührendes Verhältnis zu ihrem Gemahl und ihre hohe Stellung als Ehefrau zu bewähren.

2. Das Baden durch Mädchen.

Die Stellung der Frau als Dienerin ist bei Homer nicht ohne Widersprüche und eine Ent- wicklung wohl in ihr zu beobachten. Speziell scheint mir das der Fall zu sein in der Beurteilung der Sitte, daß Männer durch Mädchen gebadet werden.

Dazu ist zunächst einiges über die Sklaverei bei Homer zu sagen. Die Sklavin ist rechtlich nicht mehr als ein Ding: die weiblichen Gefangenen sind ein Stück Beute, in F wird ein Weib als Kampfpreis ausgesetzt, dem treuen Diener wird von Herren zum Lohne ein Haus, ein Weib und ein Stück Vieh geschenkt, der Herr kann die Sklavin ohne weiteres töten( 339), Odysseus' ungetreue Mägde werden einfach hingerichtet. Aber ich glaube doch, daß in der Sklavin auch das Weib geehrt wird. Man hat auch von der Ehefrau bei Homer gesagt: sie ist nur ein Ding, denn sie wird vom Vater gekauft. Aber Hektor hat auch Andromachegekauft(X 472). Es ist überhaupt nicht richtig, unsern Begriff vonRecht auf andere Kulturzustände zu übertragen. Es ehrt nicht nur Achill seine Sklavin Briseis und will sie zur Myrmidonenkönigin machen, in der Jugend werden, wie bei den Germanen, die Sklaven mit den Herrenkindern zusammen aufgezogen, Nausikaa's Mägde scheinen ihre vertrauten Gespielinnen; kurz, die Sklaven sindmehr Genossen der Familie als bequeme Werkzeuge für die Gesellschaft(H. Bernhardy). Aber viel merkwürdiger: der Begriff Sklavenarbeit scheint gar nicht zu existieren. Die Herrin spinnt immer mit den Mägden zusammen, Nausikaa wäscht mit; im Demeterhymnus(V. 105) holen Königstöchter Wasser am Brunnen wie lsmene in derThebais und in die Tochter des Lästrygonenkönigs.

Ohne Frage haben wir es hier wieder mit Kulturschichten zu tun und in der Achtung der Arbeit einen Uebergang zu beobachten. Zur Zeit der Hausgemeinschaft gibt es keine Sklaven. In mykenischer Zeit waren sie auch nicht zahlreich(vgl. Holsten, griech. Sittlk. S. 16 f.). Aber das Publikum Homers setzt viel Sklaven voraus, es besteht ausLeuten, die Muße haben(Blaß, Interpolationen S. 12). Diese Hörer werden die Heroen und Heroinen nicht verachtet haben, wenn sie die Herden bewachen oder sonst Sklavenarbeit tun, sondern nicht anders gedacht haben als wir:in der Poesie ist es nun einmal so. Aber unwillkürlich trägt der Dichter die Sklaverei der ihn umgebenden Wirklichkeit in seine Welt hinein: wenn Arete einmal Speise hergibt, tut es das andere Mal plötzlich die Schaffnerin(C 76 und 13), Diener spannen zwar die Maultiere Nausikaas an, aber die Königssöhne spannen sie nachher ab und tragen die Wäsche in das Haus ( 72: 5). Und wenn in 4 Priamos' Söhne den Wagen anspannen, wie Telemach und Pei- sistratos in 9 den ihrigen, so beruht das an der zweiten Stelle nur auf Nachahmung, denn bei Menelaos gibt es Sklaven, bei Priamos nicht(von sportlichem Interesse sollte nicht die Rede sein).

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