Jahrgang 
1909
Einzelbild herunterladen

ifle gl.

ſtel

9

Dies hindert auch, daß wir etwa an die Stellung einer Veleda und Deborah denken. Für die Entstehung des Epos ist Arete vormykenisch, und ich meine, sie ist in das Griechentum zu setzen. Denn es scheinen mir in der Stellung der homerischen Frau sich noch andere vormykenische Spuren zu finden, die meine Annahme stützen. Auf diese möchte ich noch eingehn.

Der Ausweg, fremdländischer Sitte zuzuschreiben, was man griechischer nicht zutraut, gilt als selbstverständlich bei Priamos' Vielweiberei, die mir aber auf vorhomerische griechische Gesellschaftszustände zurückzuweisen scheint. Um Polygamie handelt es sich tatsächlich, wiewohl die Dichtung das Verhältnis so auffaßt, als Wäre Hekabe die Hauptfrau, die anderen Nebenfrauen; werden doch offenbar nur Hekabes Söhne als thronberechtigt angesehn, hat doch zu ihr der greise Herrscher das herzliche Verhältnis, das wir nur mit Monogamie vereinbar denken. Aber mindestens ist Laothoe noch rechtmäßige Gattin(cf. 9 85 und X 48) und doch wohl die schöne Kastianeira, die aus Thrakien stammt(6 305). Wir pflegen uns freilich Ganymed und Paris mit der phrygischen Mütze vorzustellen. Aber bei Homer findet sich kaum eine Andeutung, daß die Trojaner und ihre Bundesgenossen sich kulturell von den Griechen unterscheiden(W. Helbig, hom. Epos S. 3 und 10), höchstens scheinen die Trojaner auf einer etwas höheren Stufe der Gesittung und zwar griechischer Art zu stehn. Einzig will man in der maßlosen Trauer des Vaters über Hektors Tod einen Zug von Barbarei sehn. Nun findet aber die Annahme immer mehr Geltung, daß die Jonier die troischen Sagen aus der festländischen Heimat mitgebracht haben, u. a. die Gestalt Hektors (vgl. u. a. E. Bethe, Neue Jahrb. 1901 S. 657 ff.). Auch bieten die germanischen Zustände, wie wir sie aus Cäsar und Tacitus kennen, aber auch noch in viel späterer Zeit eine Parallele: am bekanntesten sind die zwei Frauen Ariovists, deren eine aus fremdem Stamme ist, und die Be- merkung Germ. cap. 18: singulis uxoribus(Germani) contenti sunt, exceptis admodum paucis, qui non libidine, sed ob nobilitatem plurimis nuptiis ambiuntur. Ferner schließt L. Bloch(Neue Jahrb. 1901 S. 128) aus dem Umstande, daß in Gräbern der sogen. griechischen Inselkultur, die er etwa um 1800 v. Chr. ansetzt, in mehreren Gräbern je zwei weibliche Idole gefunden sind, auf Bigamie, man sieht, sagt er, daß der hier Begrabene besonders wohlhabend gewesen sein muß, also den Luxus der Bigamie sich mindestens recht wohl gestatten konnte. Sollte da nicht auch Priamos' Polygamie ursprünglich griechisch sein? In geschichtlicher Zeit sind ja sicher bezeugt nur zwei Beispiele von Bigamie, der Spartanerkönig Anaxandridas und Dionysios d. A.¹) Aber wenn die Griechen Kekrops die Einführung der Monogamie zuschrieben, hatten sie doch noch eine Ahnung davon, daß es bei ihnen früher anders war. Dann hätten wir in Priamos' Polygamie einen alten Sagenbestandteil, der trotz der moderner werdenden Anschauungen nicht verschwand und mit der phäakischen Geschwisterehe insofern auf eine Stufe zu stellen ist.

Die gleiche Stellung hat im Epos die Vorstellung von der Hausgemeinschaft, die auch nicht

konsequent durchgeführt ist.

Am bekanntesten ist die Hausgemeinschaftꝰ) ja bei Priamos, weil sie der Dichter Z 243 f deutlich beschreibta): Der König wohnt mit all seinen Söhnen, Schwiegertöchtern, Töchtern und

¹) cf. E. v. Lasaulx, Zur Geschichte und Philosophie der Ehe bei den Griechen. Abh. der bayr. Akad. d. W. VII (1855) S. 21 ff. Die singulären Maßregeln Athens nach dem peloponnesischen Kriege(Laert. Diog. II 26) finden übrigens ihre Parallele in Deutschland nach dem dreißigjährigen Kriege.

²) R. Pöhlmann, Geschichte des antiken Kommunismus und Sozialismus I S. 17:Der Hof des Priamus ist un- verkennbar ein Abbild der sog. Hausgemeinschaften d. h. Vereinigungen von Abkömmlingen desselben Stammvaters, Blutsverwandten zweiten bis dritten Grades, welche in demselben Gehöft wohnen, Grund und Boden gemeinschaftlich besitzen und vom Ertrag gemeinsamer Arbeit gemeinsam leben.

³) C. Robert, Studien zur Jlias S. 195 f. vgl. 575 setzt die ganze Partie Z 242 312 sehr spät an Wegen Athenes Sitzbild. V. 242 250, auf die er nicht eingeht, lassen sich aber leicht abtrennen. Die Sache selbst wird durch andre Stellen und Parallelen gestützt; wer sie beseitigen will, muß doch zunächst erklären, woher sie kommt; in Roberts

Urilias paßt sie wegen der Schwiegertöchter freilich nicht hinein.

2