8
täglichen Lebens vorausgesetzt, und wenn bei den Kyklopen bewußt davon abgesehn ist, weil das Einzelleben die Voraussetzung für die Erzählung bildet, so wird wenigstens von exνde innerhalb der Familie gesprochen. Dieser Ausdruck zeigt uns wohl auch, wie das 2u⁴m velren Jöst 74 zu verstehn ist: auf einer niederen Kulturstufe ist nicht an geordnetes öffentliches Rechtswesen zu denken, aber der Dichter kann sich königliche Macht nicht anders vorstellen. Aber es ist keineswegs aus ihrer hohen Stellung die nötige Konsequenz, daß Alkinoos ursprünglich nicht tatsächlicher Herrscher gewesen ist. Da nun ferner die Nausikaa-Episode nicht organisch mit dem Uebrigen zusammenhängt, bliebe als Kern etwa ein Märchen der Art, daß ein Held zu einer ungast- lichen Gemeinschaft kommt, unter der eine Frau großen Einfluß hat; es gelingt ihm durch un-— erschrockene Klugheit, sich die Gunst dieser Frau zu erlangen und durch sie Rettung und Heim- reise. Es könnte Arete ursprünglich eine ähnliche Rolle gespielt haben, wie sie Ariadne und Medea spielen, oder wie bei Apollonius Rhodius(V 980 ff.), wo Arete den Flüchtlingen durch List, nicht durch ihren Einfluß hilft. Sollte die Argonautensage auch in diesem Zuge älter sein als die Odyssee?¹) Beim liebevollen Ausmalen und Weiterdichten wäre dann aus dem Lande, von dem aus Odysseus Rettung verheißen war, ein„Land der Verheißung“ geworden, eins der Schlaraffen- länder der Odyssee, und aus dem wilden Volk ein friedliches, nachdem es einmal zu Helfern geworden war. Damit war Aretes Hülfe nicht mehr nötig, mit deren fabelhafter Stellung der Dichter sowieso nichts anzufangen wußte. Auch Kirke ist anfangs grausam, was nachher ganz vergessen wird. Auch die„Verhüllerin“ Kalypso wird Odysseus ursprünglich nicht nur mit Liebe haben zurückhalten wollen.
Mir kommt es nur darauf an zu zeigen, was für Widersprüche der Begriff„homerische Ge— sellschaft“ enthält. Daß wir es hier mit nichtgriechischen Verhältnissen zu tun hätten, halte ich nicht für nötig anzunehmen. Die Möglichkeit freilich ist wohl nicht zu leugnen, daß eine solche Erzählung auf Nachrichten über irgend ein fremdes Volk beruht, etwa über einen der nordafrika- nischen Frauenstaaten, von denen wir im Altertum hören, wie die Kunde von den kurzen nordischen Nächten oder den Zwergvölkern Inner-Afrikas auf Tatsachen zurückgeht. F. G. Welcker(Kleine Werke II S. 1 ff.= Rnein. Mus. I S. 219 ff.) der zuerst die Phäaken mythologisch erklärt, will sie aus dem Norden ableiten, nennt sie aber doch„ein nach Verfassung und Sitte hellenisches Volk“(S. 43). Th. Bergk wollte die Stellung Aretes aus spartanischen Einflüssen auf das Epos erklaren, wie ja denn auch die Einwirkung des spartanischen Doppelkönigtums auf die Nlias nicht zu leugnen ist. Menelaos' Hofhaltung in der Odyssee hat aber nichts Spezifisch-Spartanisches an sich. Und aus Mülders oben erwähnter Beobachtung zu schließen, daß Laodamos neben Alkinoos ursprünglich König gewesen wäre, scheint mir doch gewagt. Die Spartaner standen ja in dem Rufe der Abneigung gegen Fremde, und von ihren Frauen hören wir allerhand Merkwürdiges, aber keine Spur von Geschwisterene. Der Gerontenschmaus sieht freilich spartanisch aus, wider- spricht aber der Hausgemeinschaft, ist also wohl aus dem kriegerischen Gesellschaftszustand, in dem wir die Spartaner kennen, in das ursprüngliche Bild hineingetragen. So kämen wir auch wieder nur auf eine unbestimmte Vorzeit zurück. Der unbewußte Haupigrund für Bergk war wohl, daß er an die lykurgische Redaktion der Odyssee glaubte. Vielleicht könnte man an die griechischen Weststämme denken, bei denen die Kultur langsam fortschritt; natürlich spielt die Lokalisierung der Phäaken auf Kerkyra keine Rolle dabei.
Zu dem Bilde, das wir uns über die sogenannte mykenische Zeit machen, passen die ge- schilderten phäakischen Zustände nicht. Zwar genossen dort die Frauen eine sehr hohe Stellung, aber wie später in Athen, besonders für den Kultus,²) und davon findet sich bei Arete nichts.
²) Wer an vergleichende Mythologie glaubt, könnte das Bechsteinsche Märchen vom Menschenfresser vergleichen, in dem Däumling und seine Brüder nur durch des Menschenfressers Frau gerettet werden(die schnellen Phäakenschiffe = Siebenmeilenstiefel!)
²) cf. A. Furtwängler, Antike Gemmen III S. 48— R. Holsten, Griechische Sittlichkeit in mykenischer Zeit. Progr. Pyritz 1908 S. 19 ff.— Von diesem Gesichtspunkte aus ließe sich der Bittgang, den in Z die troischen Frauen tun, nicht Priamos und die Greise, doch vielleicht als alte Ueberlieferung halten, in die dann das Sitzbild Athenes später hineingefügt wäre.


