nichts Gutes von den Totenschiffern zu erwarten. Und die frühere Nachbarschaft, sogar Verwandt- schaft mit Kyklopen und Giganten(C 5;„ 56, 206) deutet doch auch auf gewalttätigen Charakter.
Suchen wir aber lieber auf dem Boden der Wirklichkeit zu bleiben. Als auffälliges Merkmal phäakischer Zustände kommt die Geschwisterehe des Königspaares hinzu:„ 54. 55 heißt es aus- drücklich, Arete sei s-« roxjco dν νατένν! O Térον ⁴ννοον ‿αsa. Die Scholien wollen, daß roxijec hier„Großeltern“ heißt, aber sie führen doch an, daß nach Hesiod Arete Alkinoos' Schwester gewesen sei. In der Tat werden V. 61 f. die beiden nicht als Geschwister, sondern als Base und Vetter hingestellt. Seit A. Kirchhoff ist die Kritik sich ziemlich einig, daß die erste Stelle die alte Vorstellung gibt, während man später die anstößige Verwandtschaft hat beseitigen wollen; die Ehe zwischen den nächsten Verwandten außer Kindern desselben Vaters und derselben Mutter ist ja den Griechen der klassischen Zeit nicht anstößig. Daß ein späterer Bearbeiter die Geschwisterehe erst hineingebracht habe, also V. 54. 55. zu streichen sei, glaubt doch heute wohl niemand; aber die üblichen Darstellungen, auch G. Finsleri), schweigen von der Geschwisterene. Man kann sich nicht in den Gedanken finden, daß sie auf griechischem Boden jemals möglich gewesen wäre. Denn nichtgriechische Zustände hat man bei den Phäaken wohl noch nicht angenommen. Aber nach einer sicheren Erklärung sehe ich mich vergeblich um. Halten wir an jenen Spuren von Mutterrecht fest, die J. Beloch, wie oben erwähnt, bei den Griechen findet, so ist die Geschwister- ehe ein natürliches Glied der Entwicklung(vgl. J. Lippert, Kulturgeschichte der Menschheit, I S. 46 ff): Wie noch heute bei wilden Völkern erbt nach dem sog. Neffenrecht nicht der Sohn des Führers Habe und Führerschaft, sondern der Sohn seiner Schwester. Das hat den Pharao wie den Inka veranlaßt, seine Schwester zu heiraten. Sollte man nicht vielleicht die Ehe Aretes und ihres brüderlichen Gemahls als einzige Spur dieses Brauchs bei den Griechen ansehn können? Oder muß man wieder zur Erklärung in die mythologische Zeit zurückgehen?²) Oder könnte man vermuten, daß in mykenischer Zeit die griechischen Fürsten von den Aegyptiern diese Sitte an- nahnmen, wie die Perser unter Kambyses? Das Beispiel von Zeus und Hera hätten sie für sich gehabt. Wie dem auch sei, die Geschwisterehe des Phäakenpaares ist wieder etwas, das nicht dahinein paßt, was wir uns gewöhnlich unter„homerischer Gesellschaft“ denken.
Aber noch nicht genug: das Königspaar wohnt mit seinen verheirateten Söhnen in demselben Hause( 62 f.), wie Priamos nach Art der Hausgemeinschaften. Davon möchte ich aber unten noch etwas ausführlicher sprechen.
Zu erwähnen ist vielleicht noch, wie D. Mülder(S. 18 f.) nachweist, daß in der Phaäakis nicht Alkinoos überall als König gedacht scheint, sondern in der Scene mit dem Diskoswurf 5 210 Laodamas. Vielleicht ließen sich hieran weitere Vermutungen knüpfen.
Tatsache scheint mir zu sein, daß manche Züge in den phäakischen Verhältnissen auf einen verschwundenen Gesellschaftszustand hinweisen, mit dem sich in der Poesie eine Kulturstufe mischt, die ihn geschichtlich ausschließt. Die staatliche Gewalt Aretes, die Ungastlichkeit der Phäaken, die Geschwisterehe des Königspaares, schließlich die Hausgemeinschaft gehören zusammen. Daß Gerontenrat und Volksversammlung, die freilich keinerlei wirkliche Bedeutung haben können, hineingetragen werden, liegt daran, daß der Dichter sich menschliches Zusammenleben ohne sie nicht denken kann;³) denn auch für die wilden Lästrygonen ist der Markt als Mittelpunkt des
¹) Homer. Leipzig und Berlin 1908. Wenn ich gelegentlich gegen dies schöne Buch polemisiere, so verkenne ich nicht, daß es seinem Zweck entsprechend sich vielfach allgemein halten muß.
²) O. Schrader, Reallexikon d. indogerm. Altertumskunde. Straßburg 1901, S. 912:„Anders zu beurteilen(sc. als die iranische Neuerung der Geschwisterehe unter den herrschenden Geschlechtern) wird es sein, wenn in indog. Mythen mehrfach der Geschwisterehe gedacht wird. Im Griechischen ist Zeus Bruder und Gatte der Here, im Rigveda(X, 10) streitet vYama, der Verwerfer der Geschwisterehe, mit vami, ihrer Anhängerin; die Edda kennt die Verbindung Niörds und seiner Schwester. Möglich, daß hier dunkle, von der Sage fortgetragene Erinnerungen an vorindogermanische, auf ewig verschleierte Zeit zu uns herüberklingen.“
*) cf. G. Finsler, Das homerische Königtum. Neue Jahrb. 1906. S. 313 ff. 393 ff., speziell S. 321.— Ich vermisse nur die Erklärung der Tatsache, daß auf Ithaka in den 20(resp. 30) Jahren von Odysseus' Abwesenheit keine Volks- versammlung stattgefunden haben soll, nachher aber die tägliche 2ν oals selbstverständlich gilt.


