Jahrgang 
1909
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Geschwisterehe auf die Abgeschlossenheit der Phäaken zurückführt, so ist das doch eine gewalt- same Kombination, und wir werden uns zunächst nach einer kulturgeschichtlichen Erklärung um- sehn. Dazu müssen wir die Vorstellung von der Ungastlichkeit der Phäâaken berücksichtigen, die Scotland wieder für eine spätere Zudichtung ansieht, die er natürlich wieder für geschmacklos hält. Es handelt sich hier um 30 f., wo Athene, ihrem Liebling als Wasserträgerin begegnend, ihn warnt, sich von irgend einem Phäâaken sehn zu lassen,denn sie können Fremde nicht leiden und nehmen sie nicht gastlich auf, und V. 50 f. ermahnt sie ihn ausdrücklich zu großem Mute, was doch widersinnig ist, wenn er zum Schmaus gesitteter Menschen kommt. Der Nebel, mit dem sie ihn schützt, gehört auch hierher. Die Verse 32 36 will nun Scotland, mit H. Anton als widersinnig einfach streichen, zumal er wie andere Gelehrte das ganze Auftreten Athenes für eine Dublette zu Nausikaa hält. Stellen wir aber die Frage so: ist das, was Athene über die Königin sagt, ursprünglicher, oder was Nausikaa? so wird, abgesehn von dem Stammbaum V. 56 ff. niemand zweifeln, daß die Worte Athenes(Geschwisterehe, Rechtsprechen der Königin) auf alte Vorstellungen hindeuten. Ob sie ursprünglich der Göttin in den Mund gelegt waren, ist nicht so wichtig. Und wenn wir uns fragen, warum die Göttin überhaupt eingeführt wird, so ist ihr Zweck doch offenbar, dem Helden die nõtigen Kenntnisse zu vermitteln, durch die er gute Aufnahme und Heimgeleit erlangen kann. Bei gesitteten Menschen hatte er besondere Orientierung nicht nötig. Athene spielt mithin dieselbe Rolle, wie Hermes, wenn er Odysseus über Kirke Bescheid sagt und die Art, wie er sie für sich gewinnen könne, oder Kirkes Prophezeihungen über die Gefahren der Heimfahrt(oder Eidotheas Ratschläge an Menelaos 9 367 ff.). Ohne dies Vorherwissen schienen dem Dichter diese Gefahren für menschliche Klugheit und Kühnheit zu groß; zu naiv schien die Erzählungsweise, wenn rein aus Zufall Odysseus, nicht durch den Zauber der Lotosfrucht bezwungen wird, wenn er bei den Lästrygonen sein Schiff nicht in die einladende Bucht hineinfahren läßt, aber nachher von ihrem Lande Bescheid weiß, wenn er die Sitten der Kyklopen kennt. Ich nehme also an, daß der Dichter, der Athene zu diesem Zwecke einführte, zu ihren Worten Verse benutzte, die vorher Schilderung waren; wenn man das oben besprochene vd in V. 68 pressen wollte, könnte man es als Beweis dieser Annahme ansehn.

Der eigentliche Anstoß, den Scotland nimmt, liegt ja nun darin, daß die Vorstellung von der Ungastlichkeit der Phäâaken ihrer sonstigen Vorstellung widerspricht. Wie aber ein Späterer et- was so Unpassendes hineinbringen konnte, erklärt er nicht. Denn wenn er annimmt, es sei nur dem Nebel zu Liebe geschehn, so bewegt er sich offenbar im Kreise; denn woher kommt der Nebel, wenn die Phäaken nicht böse sind? M. Gröger stimmt nun mit Scotland überein, erklärt aber den Nebel als Nachahmung von Q, wo Priamos, von Hermes geleitet, sicher durch das griechische Lager gelangt. Die Situation des bittflehenden Königs, speziell sein plötzliches Er- scheinen vor Achill hat ja vieles mit gemeinsam; aber die Anlehnung von) an ist doch viel leichter zu erklären, wenn auch Odysseus in einer gefährlichen Lage ist. Den wegen ihrer Gast- freundschaft berühnmten Phäaken nur einem Nebel zuliebe plötzlich Ungastlichkeit anzudichten, wäre doch eine Ungeschicklichkeit, mit der man nicht als sichrem Faktor rechnen sollte. Umge- kehrt scheint mir bei der allmählichen Entstehung der Odyssee viel wahrscheinlicher, daß die ursprüngliche Ungastlichkeit infolge des glücklichen Ausganges in der Vorstellung der Dichtenden bis auf geringe Spuren verschwand, die an markanter Stelle zurückblieben. Verkehrt scheint es mir jedenfalls, die Frage zu isolieren, statt die sonstigen Gesellschaftszustände bei den Phäaken neranzuziehn. Und wenn D. Mülder die ursprünglichste Bedeutung der Phäaken für die Dichtung darin sieht, daß sie Odysseus nach Hause bringen, so braucht das doch einer ursprünglichen Un gastlichkeit nicht zu widersprechen. Am meisten möchte ich daher A. Gercke beistimmen, der von V.,50(Odysseus' Ermutigung durch Athene) ausgehend findet,daß wir uns die Königin als ein furchtbares, übermenschliches Wesen zu denken haben; im folgenden werde das aber ganz vergessen. Er deutet auch an, daß in der Herausforderung zu den Wettkämpfen ursprünglich eine Drohung zu sehn sei. Sollte aber nicht die Sache so liegen, daß das Volk wild ist, aber die Königin zu gewinnen? Wenn wir auf das Mythologische eingehn, hatte Odysseus ja jedenfalls