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Alte und neue Erklärer haben zu 6 310 angemerkt, Odysseus habe sich an Arete zu wenden wegen der Weichheit des weiblichen Herzens; wir wollen diese als bewiesen annehmen und daran festhalten. Andere empfinden zart, daß Nausikaa bei ihrer Neigung zu dem Fremdling wünscht, daß er sich bei der Mutter beliebt mache. Was hat das aber alles zu tun mit dem, was wir über Aretes dominierende Stellung hören? Soweit die Kritik nicht nur auf Interpolationen ausging, hat sie schon ausgesprochen, daß wohl eine Aenderung in der Erzählung anzunehmen sei, so daß ursprünglich die Königin die wirkliche Entscheidung hatte, aber später mehr zurücktrat.¹) Indessen scheint mir noch wichtiger als dieser Widerspruch das, was wir über die Stellung der Königin selbst hören, und hierin zugleich der Anlaß zu liegen, warum die Erzählung geändert wurde.
Den ersten wichtigen Punkt bietet V. 7 74, der freilich im Anfang nicht sicher zu deuten ist:„sie ist So verständig, daß sie auch die Streitigkeiten zwischen Männern schlichtet.“ ²) Wie denkt sich der Dichter dieses Streitschlichten? Doch in irgend einer Weise öffentlich. Und das Volk, das sie wie eine Göttin ehrt(V. 71), richtet sich doch offenbar nach ihren Entscheidungen. Eine Frau hat hier staatliche Gewalt. Damit erklärt sich vielleicht, daß Odysseus sich an sie wendet und sie die Entscheidung hat. Jedenfalls hat sie eine Stellung, wie sie sonst nicht in die homerische Gesellschaft hineinpaßt. Der Dichter betont auch, daß es sich um ein Stück Ver- gangenheit handelt: sie wird(von ihrem Manne, offenbar auch von ihrem Volke) geehrt wie keine, dααασσσ νννꝙν ννασε dνν dν⸗οᷣdo zo“ Sſobαν‿(V. 68). Das o darf man dabei nicht über-
seiner Paraphrase S. 397). Der Vers entspricht doch wohl der Formel der Jias A⁴or 2ν εοοτον eov. mit der öfters die Helden der Vergangenheit in Gegensatz zu des Dichters Zeitgenossen gestellt werden.¹) Dem Dichter kommt selbst die berichtete Tatsache auffallend vor; hier handelt es sich nicht um eine typische Schilderung oder sonst eigene Erfindung, sondern um etwas, das ihm in irgend einer Form überliefert war. Es kommt noch Auffallendes hinzu.
A. Scotland erklärt nun(S. 399):„Eine Königin, welche auch den Streit der Männer schlichtet, scheint mir überhaupt bedenklich, und ich sehe darin nur eine geschmacklose Ueber- trumpfung des Gedankens, daß die Königin großen Einfluß auf ihren Gatten ausübte.“ In gewissem Sinne wird man ihm zustimmen müssen, wie wir gleich sehen werden, wenn man sich bemüht, die phäakischen Verhältnisse geschichtlich zu verstehn. Wenn aber derselbe Kritiker Aretes Einfluß einfach dadurch erklärt, daß sie als Schwester dem Könige ebenbürtig sei, und wenn er diese
*) H. Anton, Interpolationen im 7. Buch der Odyssee. Rhein. Mus. XVIII(1863) S. 428 ff.— A. Scotland, Kritische Untersuchungen zur Odyssee. Philol. XXXIV(1885) S. 385 ff, 592 ff.— C. Rothe, Bedeutung der Widersprüche für die homerische Frage. Progr. d. Französ. Gymn. Berlin 1894 S. 25 u. 33 f.— A. Gercke, Analyse als Grundlage d. h. Kritik. Neue Jahrb. 1901 S. 19.— PFr. Blass. Die Interpolationen in der Odyssee. Halle 1904 S. 94 f.— M. Gröger, der Einfluß des 4 auf die Komposition der Odyssee Hermes LIX(190⁴) S. 1 ff.— D. Mülder, Die Phäakendichtung der Odyssee. Neue Jahrb. 1906 S. 10 ff.
*) Der Text scheint einige Kühnheit zu rechtfertigen: die Handschriften geben meist 7ορ̈ς εν Qμοονεοενσα νσ 22 οές κ¶ ds, V gibt o*oms.᷑, Das soll heißen:„welchen sie irgend wohl will, auch Männern schlichtet sie den Streit“.(Ameis.) Auf das Streitschlichten kommt es uns ja nur an, und das steht zweifellos da. Aber was soll der vorhergehende Relativsatz? Woher käme das„u, das die Scholien erklären: wenn sie Frauen wohlwill, schlichtet sie deren Streitigkeiten mit ihren Männern! Nun gibt Eustathius noch eine dritte Lesart:„œαœm ειρανννσ*†ονν ddα Qoοsoso. Und die Scholien BPQr umschreiben den Vers mit den Worten: oοασσσ σσηναςε σπe/ τε᷑ νωσνσ Tie AOP*—e 6⁰ ꝑocs dgrs zdd τσες ν⁹ννέ̈ Ʒυυννασ ανμσ μ‿νs. Sollte das nicht trotz V. 73 auf diese 3 Lesart zurückgehn? Cauer hat daher nach Voß' Vermutung„a ιρσννννs in den Text gesetzt. Weck schreibt(nach Hentze):„o oG,οοννέςςω Sollte nicht vielmehr„αm ενροννκνσα u lesen sein? Es müßte dann zum Adjektiv soρνονέσ ,verständig“ das Substantiv edρᷣοοsn, wie psven gebildet, vorgelegen haben und nach dem bekannten Gebrauch der Plural des Ab- straktums angewandt sein. Das unbekannt gewordene Wort, das vielleicht aus der„Vorlage“ des Dichters stammte, wäre dann nicht mehr verstanden und auseinandergeschrieben, die Lesart εeνᷣ ddes Venetus hätte etwas Sinn hinein- bringen sollen.
²) Das 2bν enthält somit eine„Schwäche homerischer Denkart“, denn es ist einer Person in den Mund gelegt, in deren Gegenwart Arete lebt. Ebenso scheint mit Recht Hentze das 25⸗ A 272 aufzufassen. Aehnlich steht es» 29, wenn Alkinoos sagt, er wisse nicht, woher sein Gast sei ε*ενm εσνεέν νᷣπωπQ-- die Phäaken wohnen ja am Ende der Welt( 204), einerlei ob im äußersten Osten oder Westen!


