Jahrgang 
1905
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sorgfältigste zu vermeiden. Der Lehrer muss strenge Gerechtigkeit mit liebevoller Nachsicht zu vereinigen verstehn. Denn wie für die Pflanzen das belebende Sonnenlicht, So ist für die jugend- lichen Seelen die herzliche Teilnanme des Lehrers, der an Stelle der Eltern steht, unentbehrlich. Die Schüler sollen ihm nicht blosses Belehrungsobjekt, oder das Publikum sein, dem er seine Gedanken wortreich vorträgt, sondern das seiner Obhut und Pflege anvertraute kostbarste Gut. Nur durch ein persönliches Verhältnis zum Zögling kann der Erzieher auf diesen nachhaltig einwirken. Sein eignes Herz darf sich in Erfüllung auch kleiner Pflichten nicht verengen oder verhärten, im Verkehr mit der Jugend muss und kann er selbst jung und frisch und aufnahmefähig für alles Grosse und Edle bleiben.

Wer alle die genannten Eigenschaften vereinigt, kommt dem Lehrerideal nahe und wird reichen Erfolg erzielen. Nun lässt sich durch fein ausgebildete Technik des Unterrichts, durch passende Formgebung und richtige Methode gewiss viel erreichen, das Höchste darf man aber nur von der persönlichen Lehrkunst des Erziehers und dem Vorbild, das er giebt, erwarten. Der Apostel Paulus nennt unter den Gnadengaben auch die des Lehrers; und in der Tat ist die Lehr- kunst ein Charisma, eine natürliche Anlage, die nicht jeder besitzt. Wem sie aber zu Teil gewor- den ist, wer mit ihr streng sittliche Anschauungen und ein reiches Wissen verbindet, der wird ein Erzieher der Jugend im wahren Sinn des Wortes sein und auf Erkenntnis und Willen der Schüler tief und dauernd einwirken. So wie er selbstin der Erscheinungen Fluchtden ruhenden Pol, in dem Irdischen das Ewige sucht, ebenso werden auch durch ihn die jugendlichen Seelen von dem eignen, kleinen, unvollkommnen Ich hinweg zu den allgemeinen, grossen, unvergänglichen ldealen hingeführt werden und ihre menschliche Bestimmung erfüllen lernen.

Menschliches Leben ist nur dann wirkliches Leben, wenn esSub specie aeternitatis geführt, d. h. mit dem Ursprung alles geistigen Lebens in Verbindung gesetzt wird. Alles höhere mensch- liche Streben wird nach Kant durch die ldeen Gott, Freiheit, Unsterblichkeit bestimmt. Diese ldeen sind zwar nicht Gegenstand der empirischen Erkenntnis, aber doch Grenz- oder Zielpunkte derselben. Die Gottheit kann zwar durch die Sinne nicht erkannt, und ihr Dasein kann durch den Verstand nicht logisch-mathematisch bewiesen werden, und doch ist die Annahme einer das Ziel aller Entwicklung bestimmenden sittlichen und göttlichen Macht eine unabweisbare Forderung unserer Vernunft. In der Annäâherung an diese höchste sittliche Allheit sieht Kant den Zweck unseres sittlichen Lebens. Dieser philosophische Gedanke berührt sich aber eng mit dem christ lichen, den Augustin mit den bekannten Worten ausdrückt:creavisti nos ad te(Domine), et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te,du hast uns, Herr, nach dir hin geschaffen, und unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet in dir.

Zu allen Zeiten und bei allen Kulturvölkern hat sich Gott den Menschen offenbart, am voll- kommensten in seinem Sohn Jesus Christus. In ihm, sagt Harnack,ist das Göttliche so rein erschienen, wie es auf Erden nur erscheinen kann. Wenn uns der grosse Lehrmeister Kant durch seinen kategorischen Imperativ die Pflicht des Gewissens einschärft, so lehrt uns Christus, dieser wahrhafte Paidagogos der Menschheit, wie ihn Klemens von Alexandria nennt, Gott als den barm- herzigen Vater aller erkennen und den Nächsten als Bruder lieben. Beide Anschauungen, die philosophische und die religiöse, gehören eng zusammen: nur wo der Kantische Geist strenger Pflichterfüllung sich mit dem christlichen Geist umfassender Liebesübung harmonisch verbindet, kann das letzte Ziel der Gymnasialbildung: die Erziehung zu edler Menschlichkeit er-

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