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reicht werden. Das Evangelium lehrt uns, dass das höchste Gut nur in einer Gemeinschaft, in dem Reiche Gottes vorhanden ist. Zu diesem höchsten Gut führt uns die Liebe und die Frömmig- keit empor. Möge unsere Schulgemeinschaft immer von dem Geist christlicher Frömmigkeit durch- drungen und geleitet werden! Möchten wir alle, Lehrer wie Schüler, dem wahrhaften Paidagogos Christus nachfolgen, der uns zu Gott, dem Vater alles Lebens, dem Inbegriff aller Wahrheit, dem Urgrund aller Sittlichkeit geleitet. Glaube, Liebe, Hoffnung seien unsere Leitsterne, vor allem die Liebe, denn sie ist auch für die Erziehung die grösste der drei Tugenden. Dabei erfülle uns die Gewissheit, dass wir uns durch eigne sittliche Arbeit und freie Entschliessung von dem Bösen frei machen können, und dass wir durch unser ernstes Wollen die Hoffnung auf Gottes Gnade und ein ewiges Sein in und mit Gott haben dürfen. Dies den Schülern zum Bewusstsein zu bringen, ist die hohe Aufgabe des Religionsunterrichts. Zieht der Jüngling mit dem Geleitwort: „ist Gott für mich, wer mag wider mich sein?“ ins Leben hinaus, so wird er als Sieger aus jedem Lebenskampf hervorgehn. Mit diesem selben Geleitwort hat Martin Luther den Kampf gegen eine Weltmacht aufgenommen und ist unbesiegt geblieben. Sein Werk war aus Gott, darum konnten es die Gegner nicht vernichten. Dasselbe felsenfeste Gottvertrauen erfüllte auch den grossen, ehrwürdigen Kaiser Wilhelm I. und seinen eisernen Kanzler, dessen schönes Standbild jetzt unsere Stadt schmückt; nur so konnten beide die gewaltigsten Taten, die die deutsche Ge- schichte aufzuweisen hat, vollbringen. Wir aber wollen uns an solchen Vorbildern echten Gott- vertrauens, treuer deutscher Gesinnung und strengster Pflichterfüllung immer wieder emporrichten und begeistern lassen. Man macht unserer Zeit den Vorwurf— und wohl nicht ohne Grund—, dass es ihr an ldealen fehle. Auf die Zeit der Einigung durch den grossen Krieg 1870771 ist eine Zeit der inneren Käampfe und Gegensätze gefolgt. Aber künftige Zeiten werden wieder ein grosses, starkes Geschlecht fordern. Daher muss die Schule dem Sinn für Ausserlichkeiten und für Ver— gängliches durch stete Betonung des Innerlichen und Bleibenden kräftig entgegen wirken; denn ihr gehört die Jugend, aber zugleich auch die Verantwortung für deren richtige Ausbildung nach den Idealen des Wahren, Guten, Schönen.
Im vollen Gefühl dieser Verantwortung, die Lehrer und Leiter der Schule gemeinsam zu tragen haben, übernehme ich also mein Amt, zu dem ich berufen bin, indem ich mit dem Psal- misten„meine Augen aufhebe zu den Bergen, von welchen mir Hilfe kommt“,„zu dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat“, und indem ich mit dem Dichter E. Mörike also spreche:
„In ihm sei's begonnen, Der Monde und Sonnen An blauen Gezelten
Des Himmels bewegt. Du Vater, du rate,
Lenk' du und wende! Herr, dir in die Hände Sei Anfang und Ende, Sei alles gelegt!“


