Jahrgang 
1905
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ein

21 Du selbst musst denkend fühlen, prüfend richten, Dir aufzubau'n dein Heiligtum der Pflichten.

Darin ist also nach Kant der Mensch wirklich frei, dass er sich das in ihm geltende Sitten- gesetz selbst auferlegen, oder sich ihm entziehen kann. Die Schule hat nun die Aufgabe, zu ersterem anzuleiten, sie darf nicht müde werden, mit dem grossen Gesetzgeber Kant zu mahnen: überwinde das Böse in dir, dass du zu einer sittlich freien Persönlichkeit werdest, tue das Gute um seiner selbst willen und nicht mit Rücksicht auf Vorteil oder aus Furcht vor Strafe, erfülle deine Pflicht im kleinen und grossen, wo und wann es immer auch sei. Dass diese Forderungen dem echten deutschen Wesen entsprechen, zeigt die deutsche Geschichte. Auf viele herrliche Beispiele von pflichterfüllung vermag hier der Lehrer hinzuweisen, vor allem auf das erhabene Beispiel des grossen Kaisers Wilhelm J. Darin liegt der hohe Bildungswert der Geschichte, dass sie der Jugend in dem Umgang mit grossen, edeln, sittlichen Persönlichkeiten der Vergangenheit Vorbilder zur Nacheiferung aufstellt und dadurch lebendige sittliche Kräfte im Innern des Schülers entwickelt.

Noch weit mehr aber, als der Unterricht, vermag die Persönlichkeit des Lehrers zur innern Erziehung des Knaben und Jünglings beizutragen. Zahlreiche Lebensbeschreibungen bedeutender Männer bezeugen dies. Wer einmal die sittliche Einwirkung seines Lehrers tief und nachhaltig empfunden hat, der wird ihm voll Pietät ein dauerndes Andenken bewahren. S80 mühevoll und verantwortungsreich das Amt des Lehrers auch ist, darin liegt sein einzigartiger Vorzug, dass, wie ein Gaârtner an dem Wachstum der mit Liebe gepflegten Bäume, So der Lehrer an dem Gedeihen der mit Liebe erzogenen Kinder seine hohe Freude haben kann. Das fällt doch, auch gegenüber manchem Misserfolg, schwer ins Gewicht.Darum, sagt Luther,gefällt mir kein Stand so wohl, wollt auch keinen lieber annehmen, denn ein Schulmeister sein.

Welche Eigenschaften muss aber ein Lehrer besitzen, wenn er auf Erfolg seiner Tätigkeit rechnen will? Zunächst umfassende wissenschaftliche Bildung, die durch stetige Weiterarbeit zu erhalten und zu vermehren ist. Wer geistig ausgibt ohne einzunehmen, gleicht einem Manne, der sein Kapital aufbraucht.Niemand vermag, wie Lagarde richtig bemerkt,andere zu unter- richten, als wer unermüdlich sich selbst unterrichtet;jeder Lehrer muss erheblich mehr wissen, als das, was er lehrt. Ferner ist der Lehrer ein Beamter, von dem der Staat, der ihn anstellt und besoldet, ausser der wissenschaftlichen Befähigung dasselbe fordert, wie von den andern Beamten, d. h. Pflichttreue, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, Treue auch im kleinen, strengste Wahr- haftigkeit und Diskretion, endlich willige Einordnung in den Gesamtorganismus. Die Art des Berufs bringt es mit sich, dass der Staat von dem Lehrer ein besonders hohes Mass von Verant- wortlichkeitsgefühl verlangen muss. DennVertrauen in den Charakter, betont Wilhelm Münch, ist mehr wert, als Vertrauen in das lückenlose Wissen. Nicht nur den Verordnungen und Vorge- setzten, sondern seinem eignen Gewissen soll sich der Lehrer verantwortlich fühlen. Notwendig ist auch, dass der Lehrer, wie der militärische Führer, Selbstbeherrschung und eine gewisse vor- nehme Zurückhaltung besitze. Ein alter Dichter(Flemming) sagt:

Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann, Dem ist die weite Welt und alles untertan. Endlich muss der Lehrer, um Erzieher zu sein, in richtiger Erkenntnis des jugendlichen Fassungsvermögens jeden Schüler ohne Ausnahme gleichmässig, fest und liebevoll zugleich behandeln. Jede Bevorzugung des einen, jede Hintansetzung des andern Schülers ist auf das