Jahrgang 
1905
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Art zur Entfaltung bringen, dass der Zögling sich zugleich selbst verantwortlich, und abhängig von einer höhern Macht fühlt. Wodurch geschieht dies am besten? Nicht durch Belehrung Worte dringen nicht tief und verwehen wie der Wind, sondern durch den Zwang zu strenger pflicht- gemässer Arbeit und durch das eigene Beispiel des Lehrers. Zur Arbeit mahnt uns Luther in den Worten:Von Arbeit stirbt kein Mensch; aber von Ledig- und Müssiggehen kommen die Leute um Leib und Leben; denn der Mensch ist zur Arbeit geboren, wie der Vogel zum Fliegen. Freilich muss bei manchem die Trägheit durch Zwang und Strafe überwunden werden; bald aber wird jeder, sofern er überhaupt für die Schule taugt, das, was man hier von ihm fordeft, als unbedingtes Gebot der Pflicht ansehn und die Arbeit um ihrer selbst willen tun lernen.Ver- suche deine Pflicht zu tun, und du weisst gleich, was an dir ist, sagt der feine Menschenkenner Goethe; denn wer seine Pflicht nicht tut, ist ein unnützes und schädliches Glied am Organismus des öffentlichen Lebens, der ohne Pflichtbewusstsein nicht bestehen kann.

Fast noch wichtiger, als die Erziehung zur Axbeit, ist aber die Erziehung zu unbedingter Wahrhaftigkeit. Je höher die Stufe der Sittlichkeit ist, auf der ein Mensch steht, um so ver- abscheuenswerter wird und muss ihm die Lüge erscheinen. Das, was die Menschen zu einer Gemeinschaft zusammenschliesst, ist das auf gegenseitige Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebe beru- hende Vertrauen.Kein schädlicher Laster ist auf Erden, nach Luthers Meinung,denn Lügen und Untreu, welches alle Gemeinschaft der Menschen zertrennt. Kant aber hält die Lüge sogar für das Grundelement alles Bösen. Sie ist ja nicht nur an sich abscheulich, weil sie den Menschen tief herabwürdigt, sondern auch deshalb mit allen Mitteln zu bekämpfen, weil sie wie eine Seuche weiter greift. Im Schülerleben wird manches als zulässig und harmlos angesehen, was für die spätere Charakterentwicklung die übelsten Folgen hat. Daher ersticke der Erzieher jede Art von Taäuschung und Unredlichkeit im Keim, damit nicht später die Aussonderung des kranken Gliedes aus der Gemeinschaft notwendig wird;ense recidendum est, ne pars sincera trahatur.

Nun meint zwar Schopenhauer, dass die Willensrichtung des Zöglings durch keine Erziehung bestimmt oder umgestimmt werden könne. Dagegen spricht aber die Erfahrung, dagegen auch die biologische Wissenschaft, welche die Möglichkeit der Umbildung des Angeerbten annimmt. Tief im Grunde eines jeden Menschenherzens wurzelt das Böse: so lehrt Kant in Übereinstim mung mit dem grossen Apostel Paulus. Während aber dieser das alleinige Mittel der Rechtferti- gung in dem Glauben an Jesus Christus den Gekreuzigten und Auferstandenen sieht, betont jener, dass der Mensch sich selbst durch strenge Pflichterfüllung von dem Bösen befreien müsse und könne. Das Böse ist nach Kant ein Entwicklungsmoment, das durch die Forderung, überwunden zu werden, vorwärts treibt. UÜberwindet der Mensch das Böse aus freiem Entschluss, dann han- delt er sittlich, dann erlebt er als Christ das, was der Apostel die Wiedergeburt und Erneuerung des heiligen Geistes nennt, denn dann wird er die übersinnliche Wirkung der Gottheit auf sein Inneres deutlich gewahr. Dies drückt Otto Liebmann sehr schön so aus:

Und aus dem Innern stammt das Heil'ge auch, Dem wir uns beugen, das wir tief verehren. Wodurch wird dir Gesetz der Sitte Brauch?

Wer kann unbändiges Handeln dir verwehren? Ist's nicht der inneren Rätselstimme Hauch,

Herz und Gewissen, was dich muss belehren?