Jahrgang 
1905
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Die Schule erzieht nun zuerst durch ihre Ordnung und Disziplin. Der Schulstaat hat, wie der politische Staat, bestimmte Gesetze, zu deren Beobachtung. sich jeder Schüler verpflichten muss. Wer absichtlich gegen die Schulordnung handelt, hat Strafe zu erwarten. Die Schule macht nicht gern von ihrer Strafgewalt Gebrauch, wird aber, wo es nötig ist, keinen Augenblick zôgern, nachdrücklich einzuschreiten. Denn nur bei strenger Ordnung kann der Schulstaat, wie jede andere Lebensgemeinschaft gedeihen. Es liegt im eigenen Interesse des Elternhauses, die Schule in der Aufrechterhaltung der Disziplin tatkräftig zu unterstützen. In dem durch Gesetze geregelten Schulorganismus empfindet der neu eintretende Zögling, wenn er zu Ordnung und Pünktlichkeit, zu Aufmerksamkeit und Gehorsam angehalten wird, noch deutlicher als im Eltern- hause die Autorität eines Ubergeordneten, dem er sich fügen muss. Daher stellt die Schule nach Goethe eine Art von Vorschule des bürgerlichen Gemeinschaftslebens dar.

Aber auch in Fachschulen, die nur ein bestimmtes Wissen überliefern, ist eine Schulordnung notwendig, die höhere Schule dagegen soll vor allem durch ihren Unterricht erziehen, oder anders ausgedrückt: auf die Willensrichtung des Schülers dadurch einwirken, dass sie ihm hohe ldeale aufstellt. Zunächst das nationale. Wie fremdartig mutet uns jetzt das bekannte Wort Schillers an:Seid umschlungen, Millionen, diesen Kuss der ganzen Welt, wie weit zurück liegt jene Zeit des Kosmopolitismus, in der man von einer, alle Menschen umfassenden engen Gemeinschaft träumte! Wenn wir jetzt auch, entsprechend der altgermanischen Neigung zu Fahrten und Abenteuern, aus unsern engen Grenzen hinaus gern in die Ferne schweifen mõögen, so fühlen wir uns doch und sollen es auch überall als Deutsche, und die Verleugnung des eignen Volkstums wird allgemein als unwürdig gebrandmarkt. Freilich Wer sich im Besitz eines Gutes befindet, denkt oft nicht daran, wann und von wem es erworben worden ist. Wer von uns Alteren den grossen Krieg mit erlebt hat, wer Augen- und Ohrenzeuge der Begründung des neuen deutschen Kaiserreiches gewesen ist, der weiss auch dies kosthbare Gut, dessen Erwerb so viel edles Blut, so viel bittere Tränen gekostet hat, nach seinem vollen Werte zu würdigen. Für das höchste nationale Ideal, für die Rettung des Vaterlandes, zogen damals unsere Väter und Gross- väter in den Kampf, und das alte Wort des Horaz:dulce et decorum est pro patria mori wurde greifbare Wahrheit. Wird auch unsere Jugend, wenn es not tut, solche Opfer mit derselben Freu- digkeit und Begeisterung zu bringen im Stande sein?Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen! Erwirb dir, deutsche Jugend, dein Vaterland immer von neuem, indem du unverbrüchlich an dem hohen nationalen Ideal festhältst! Zu solcher echt deutschen Gesinnung, zur Treue gegen das Vaterland, soll die Schule besonders im deutschen und im geschichtlichen Unterricht anleiten, damit unserer Jugend die Worte:Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt nicht blosse Worte bleiben, sondern für sie das Teuerste bedeu- ten, das sie neben dem Elternhause besitzt..

Immerhin ist dieses Ziel der Gymnasialbildung ein spezielles. Als allgemeines Ziel aller Erziehung hat nun Kant dies aufgestellt:Menschen zu bilden, sie fähig zu machen, die sittliche Bestimmung des Menschen als eines freien Vernunftwesens allseitig zu erfassen. Hierauf fussend stellt Herbart als höchste Aufgabe der Erziehung die Bildung des sittlichen Willens hin. Es fragt

sich, wie weit hier die Natur des Schülers dem Erzieher entgegen kommt. In den meisten Men-

schen sind Anlagen und Keime von Ehrgefühl und Selbstgefühl, von Mitgefühl und Nächstenliebe, von ästhetischem, sittlichem, religiösem Sinn vorhanden. Der Erzieher muss diese Keime in der

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