Jahrgang 
1905
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Welt in ihrer relativen Geschlossenheit und Einfachheit ist einem ruhigen, tiefen, kristallklaren Bergsee vergleichbar, in dem sich hochragende schneebedeckte Berghäupter spiegeln; zu ihm steigt der Wanderer nur mühsam empor, freut sich aber dann um so mehr seiner ruhigen Schönheit. Die moderne Welt mit ihrer Hast und Unruhe gleicht dagegen eher einem über Klippen dahin brausenden und zerstörenden Bergstrom, mit welchem und in welchem der Mensch sich ohne Rast abmühn muss, um nicht unterzugehn; wie sollte da von ruhiger Freude, von tieferem Verständnis gesprochen werden können? Keinem wird ein solcher Kampf im Strom des Lebens erspart bleiben; wohl dem, der in glücklicher, ruhiger Jugend seine Krafte gestählt, und sich aus dem Studium des klassischen Altertums und des deutschen Volkstums richtige Grund- sätze fürs Leben erarbeitet hat.

Aber so wichtig auch ein reicher Schatz von Kenntnissen für den Lebenskampf erscheinen mag, noch viel wichtigerund wertvoller ist ein fester Charakter. Nun bildet sich nach dem Dichter ein Charakter erstin dem Strom der Welt; aber die Schule hat wenigstens die Auf- gabe, an der Bildung des Charakters ihrer Zöglinge zu arbeiten, oder mit andern Worten: neben und mit dem Unterricht Erziehung zu üben. Das Verhältnis von Willens- zur Verstandes- bildung, von Erziehung zum Ünterricht ist ja Seit Pestalozzi und Herbart die Hauptfrage der Pädagogik. Aber schon lange vorher stellt der Scholastiker Duns Scotus in dem Ausspruch: voluntas superior intellectu« mit Recht den Willen höher, als den Intellekt. Was wäre auch dieser ohne jenen! Umgekehrt muss aber auch Intellekt mit dem Willen verbunden sein, wenn dieser wirken soll. Kant erklärt sogar die Erkenntnis für ein Produkt des menschlichen Willens, nicht umgekehrt; und Lagarde erweitert denselben Gedanken so:wie alles Gute, kommt auch die Erkenntnis durch den Willen, und dessen Flügel heissen Empfindung und Phantasie, seine Schwungkraft Liebe.

Eine gute Erziehung muss aber zugleich human und naturgemäss, praktisch und zeitgemäss, national und sittlich-christlich sein. In dem Zögling sollen alle guten natürlichen Triebe entwickelt, er selbst soll dadurch für seine künftige Lebensstellung reif gemacht werden, er soll endlich sein Handeln nach nationalen und sittlich-christlichen Gesichtspunkten regeln. Die Schule allein kann diese ganze Erziehungsaufgabe unmöglich lösen, sondern muss sich darein mit dem Elternhause teilen. Der erste und wichtigste Teil der Erziehung, den manGewöhnung zu nennen pflegt, d. h. richtiges Benehmen, Pflege des Leibes, gewisse Fertigkeiten, fällt naturgemäss allein dem Elternhause zu. Sobald das Kind zur Schule kommt, tritt das Elternhaus einen Teil der Erziehung an die Schule ab, darf aber nicht vergessen, dass ihm noch der andere Teil verbleibt: die Er- ziehung in der schulfreien Zeit und in den Ferien. Mit Unrecht glaubt gelegentlich das Elternhaus, die Zucht der Schule allein überlassen zu können. Ferner versäumt das Haus nicht selten auch eine zweite Pflicht: nämlich die Kinder vor Frühreife und UÜberanstrengung durch häuslichen Neben- unterricht zu bewahren. Die sogenannte Uberbürdungsfrage hat dahin geführt, dass die Schule weit geringere Ansprüche an die häusliche Arbeit der Schüler, als früher, stellt, mitunter wohl zu geringe; jedenfalls scheint mir die Verlegung aller Lernarbeit in die Schule mit Rücksicht auf die geforderten Zielleistungen nicht ausführbar. Das Elternhaus möge aber die Kinder weder durch zu viele Nebenbeschäftigungen zerstreuen, noch durch Teilnahme an zu vielen Vergnügungen und Genüssen nervös machen, sondern möge in erster Linie für ihre körperliche Ausbildung Sorge tragen. Denn dafür sind im Lehrplan der Schule nur wenige Stunden vorgesehen.