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legen ist, wiegt noch die gedächtnismässige Aneignung vor. Hier ist das Interesse für die neue sprachliche Form noch frisch, und die naive Freude an dem blossen Wissen noch gross. Hier ist es nötig, die oft zu lebhafte Phantasie durch grammatisch-logische Denkübungen zu zügeln und in die richtigen Bahnen zu lenken, Aufmerksamkeit und Konzentration zu erzwingen. Zuviel Reflexion, zuviel Sachliches neben dem Formellen würde nur verwirren und zersplittern. In den mittleren Klassen mag dann das Sachliche, das Kulturgeschichtliche, das Politische mehr hervor- treten, um dann in den oberen Klassen, vorausgesetzt, dass die Formen noch sicher sind, die Vorherrschaft zu übernehmen. Denkbildung kann vor allem im sprachlichen und mathematischen Unterricht geübt werden. Hier soll man Klarheit und Bestimmtheit mit Lebendigkeit und Leichtig- keit verbinden. Immer aber sei und bleibe das höchste und letzte Ziel aller intellektuellen Aus- bildung: die Pflege des Wahrheitssinnes. Denn alle wissenschaftliche Arbeit ist Suchen nach Wahrheit.
Man bringe nun nicht den schon oft widerlegten Einwand nochmals vor:„wozu lernen die Schüler die alten Sprachen, da sie das Gelernte doch in wenigen Jahren vergessen?“ Denn das Erlernen der klassischen Sprachen ist nicht Selbstzweck. Unsere Knaben sollen nicht Griechisch und Lateinisch sprechen, sondern durch Vermittlung dieser Sprachen die antike Kulturwelt kennen lernen und dadurch einen dauernden geistigen Besitz gewinnen. Da zur Ausbildung des jugend- lichen Geistes sprachlicher Unterricht überhaupt notwendig ist, so darf das Gymnasium niemals auf das für den kindlichen Geist passendste Bildungsmittel der lateinischen Sprache verzichten. Welche andere Sprache ist denn so regelmässig aufgebaut, so mannigfaltig und doch streng logisch ausgeprägt, wie das Latein? Bietet aber diese Sprache das beste formale Bildungsmittel dar, So lassen beide klassische Sprachen aus ihrem Betrieb am einfachsten alle notwendigen psychologischen, ethischen, sozialen Grundbegriffe gewinnen, beide lehren die Jugend im Umgang mit grossen geschichtlichen Persönlichkeiten, die in ihrer eignen Sprache reden, nach dem Dichter- wort„sich selbst zu erkennen.“ Der höher Gebildete soll, wie schon mehrfach ausgesprochen worden ist, nicht nur für die Gegenwart leben, sondern durch das Studium der Vergangenheit sowohl das Wesen der Gegenwart begreifen, als auch die Zukunft ahnend vorausschauen lernen. Ein tieferes Verständnis der Vergangenheit ist aber ohne ausgebreitete sprachliche Kenntnisse unmöglich. In der Sprache eines Volkes ist sein Leben, sind seine Anschauungen und Urteile niedergelegt. Diese feinsten und zugleich wichtigsten Lebensäusserungen kann keine ÜUber-— setzung, wenn sie auch noch so vollendet sein mag, zum Ausdruck bringen.
Je weiter die Kulturwelt des Altertums von uns entfernt ist, desto klarer treten ihre Haupt- züge hervor, und eine desto objektivere Betrachtung ist möglich.„Wenn wir uns,“ sagt Goethe, „dem Altertum gegenüber stellen und es ernstlich in der Absicht anschaun, uns daran zu bilden, so gewinnen wir die Empfindung, als ob wir erst eigentlich zu Menschen würden.“„Möge das Studium der griechischen und römischen Literatur,“ sagt er weiter,„immerfort die Basis der höheren Bildung bleiben.“ Das ist aus tiefster UÜberzeugung und Erfahrung gesprochen. Hat doch Goethe das Schönste und Reifste erst nach persönlicher Berührung mit der antiken Kunst in ltalien geschaffen. Wir aber müssen, um Goethes grösste Schöpfungen zu begreifen, denselben Weg wie er durch das klassische Altertum hindurch gehn.„Aber,“ sagt man,„bietet nicht die Gegen- wart Besseres?“ Gewiss ist die Gegenwart in allen Beziehungen reicher und grösser, dafür aber auch undurchsichtiger, verwickelter, und zum Teil oberflächlicher, als das Altertum. Die antike
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