Jahrgang 
1905
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ich ausser meiner eigenen langjährigen Erfahrung anerkannten Meistern auf dem Gebiete der Gymnasialpädagogik, insonderheit der persönlichen Unterweisung von Volkmar Stoy und Gustav Richter. Es scheint mir aber nützlich, wie auf andern Gebieten geistigen Lebens, so auch auf dem der Jugendbildung das als richtig Erkannte immer wieder auszusprechen und mit vollster Überzeugung zu vertreten. Bei dem fortdauernden Widerstreit pädagogischer Theorien und Meinungen muss, wie ich glaube, jeder, der dazu Gelegenheit hat, Partei ergreifen; handelt es sich doch um die edelsten nationalen Güter.

Nun hat der Staat an zweckentsprechender und planvoller Jugendbildung das grösste Inter- esse. Schon Luther hat dies richtig erkannt, wenn er sagt:Soll ein gut Regiment werden, so muss die Jugend wohl unterrichtet und auferzogen werden, denn der Staat braucht für alle Zweige der Verwaltung, für alle Gebiete des öffentlichen Lebens gut vorbereitete Beamte. Daher ist der Schule das allgemeine Ziel gesteckt: die Schüler für ihren künftigen Beruf vorzubereiten, d. h. zur Erfüllung ihrer Berufspflichten, die wieder durch den allgemeinen Kulturzustand des Staates bedingt sind, fähig zu machen. Die humanistischen Schulen im besonderen sind Vor- bereitungsanstalten für die Universität. Sie sollen nicht für das eine oder das andere Fach vorbereiten, sondern eine allgemeine harmonische und ideale Bildung für alle wissenschaftlichen Fächer zu geben im Stande sein. Demnach werden die Zielleistungen des Gymnasiums praktisch durch die Anforderungen der Universitätslehrer, theoretisch durch das Kulturniveau des Volkes bestimmt. Solange die Universitäten ihren bisherigen Charakter beibehalten, müssen dies auch die Gymnasien tun. Freilich ist bei dem ausserordentlich hoch entwickelten und komplizierten Kulturleben der Gegenwart eine Universalbildung, wie sie früher zu erreichen war, nicht mehr möglich. Die ldee der Einheitsschule ist meines Erachtens nur eine schöne Illusion. Jetzt haben vielmehr die drei verschiedenen Gattungen der höheren neunklassigen Schule nebeneinander ihre volle Berechtigung. Wenn nur überall etwas Tüchtiges gelernt wird, 80 kommen, meine ich, die Verschiedenheiten weniger in Betracht. Wer zu arbeiten gelernt hat, wird sich später das Fehlende leicht aneignen können. Ich betrachte also die Gleichberechtigung der drei verschiedenen höheren Schulen in ihrem Verhältnis zum Universitätsstudium als ein notwendiges Ergebnis unserer Kulturentwicklung, mit welchem auch das Gymnasium zufrieden sein kann. Denn wenn es nur in seiner Eigenart als Vertreter der klassischen Bildung erhalten bleibt, so braucht es den Wett- bewerb nicht zu scheuen. Wir müssen es als eine glückliche Fügung betrachten, dass die etwas übereilte Preussische, im Jahre 1901 teilweise wieder zurückgenommene Gymnasialreform unserem Lande, Dank der weisen Vorsicht der obersten Schulbehörde, erspart geblieben ist. Gewiss ist es richtig, wichtige und sichere Ergebnisse der Wissenschaft, z. B. der Physik, Biologie, Geographie, Anthropologie, im Unterricht zu berücksichtigen, aber es darf dies nicht in dem Masse geschehen, dass der Grundcharakter der Schule Schaden leidet. Nicht alles und jedes, was die Wissenschaft bis zu einem gewissen Grade wahrscheinlich gemacht hat, darf deshalb eine Stelle im Jugend- unterricht oder gar in der Belehrung der breiteren Volksschichten beanspruchen. Wer dem Volke oder der Schuljugend unbewiesene und unbeweisbare Hypothesen alssichere Ergebnisse der Wissenschaft anpreist, versündigt sich an der Wahrheit. Auch aus pädagogischen Gründen darf die Schule nicht übereilt und radikal mit ihrer Tradition brechen. Wie das Leben der Gegenwart überhaupt, so wurzelt auch das der Schule mit tausend unsichtbaren Fasern in der Vergangenheit; zerreisst man diese Lebensträger, so büsst man ebensoviele Lebenskräfte ein, ohne sofort Ersatz