Jahrgang 
1905
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Aber, kann man einwenden,Vertrauen wird nur einem Bekannten, aber nicht einem Fremden geschenkt. Diesem Einwand begegne ich mit dem Wunsch, dass meine heutigen Aus- führungen dazu dienen mögen, Sie, meine hochgeehrten Anwesenden, mit meiner Person und mit meinen grundsätzlichen Anschauungen über Gymnasialbildung bekannt zu machen. Allerdings trete ich heute noch als Fremder vor Sie hin. Und doch fühle ich mich in meiner neuen Heimat, mit der mich teure Familienbeziehungen verknüpfen, schon nicht mehr fremd. Ist doch Thüringen, das Herz Deutschlands, unser gemeinsames Vaterland. Mögen wir nun im sächsischen Grenzgebiet am Saalestrand wohnen, oder am Fusse des Waldgebirges, auf dem die uralte Grenzscheide zwischen Thüringern und Franken läuft, überall lässt uns Gleichheit der Sprache und Sitte, Gleichheit des sozialen und politischen Lebens, Gleichheit des Herrscherhauses empfinden, dass wir eines Stammes Glieder sind. Aber auch an und für sich zeigen Jena und Eisenach manche Ahnlichkeit. Beide Städte sind durch eigenartige landschaftliche Schönheit aus- gezeichnet und von Fremden viel besucht, beide an Knotenpunkten des Handels und Verkehrs gelegen und als Sitz wichtiger Industriezweige in raschem Wachstum begriffen, beide reich an geschichtlichen Erinnerungen und als Mittelpunkte echt deutschen Geisteslebens von dem Hauch geistiger Freiheit durchweht. Wenige deutsche Städte sind in vielfacher Hinsicht für die Jugend- bildung so vorzüglich geeignet, wie Eisenach und Jena. Hier Luthers liebe Stadt, wo uns die Denkmäler Martin Luthers, Sebastian Bachs, Otto V. Bismarcks grüssen, überragt von dem köst- lichsten Kleinod aller deutschen Burgen, dem leuchtenden Denkmal fürstlichen Edelsinns, dem historischen Zeugnis dafür, dass deutsche Fürstenmacht deutscher Glaubensfreiheit Schutz gewährt; und dort Jena, die vielgeliebte Stadt, mit den reichen Erinnerungen aus der Reformationszeit, aus der Zeit der Fremdherrschaft und der Gegenwart, mit seiner Universität, diesem Hort protestantischen Geistes und freier wissenschaftlicher Forschung wer möchte wohl entscheiden, welche von beiden den Vorzug verdiene, welche mehr geeignet sei, historischen Sinn zu wecken und zu beleben und die Jugend in echt nationalem, echt deutschem Sinn zu erziehnen? Und wird nicht ein Lehrer, der am Gymnasium in der einen Stadt gewirkt hat, sich in der andern so ähnlichen Stadt bald heimisch fühlen müssen? Und dies um so mehr, da in beiden Schwesteranstalten in Jena und Eisenach, dort von Gustav Richter, hier zuletzat von Otto Apelt, derselbe Geist echter Wissenschaftlichkeit und edler Humanität stets gepflegt worden ist.

So erachte ich es lediglich als meine Aufgabe, das mir übertragene Amt im Sinne Richters und Apelts, denen ieh auch als ehemaliger Schüler zu vielem Dank verpflichtet bin, zu verwalten, nicht gesonnen, unerprobte neue Theorien und Einrichtungen einführen zu wollen, sondern bestrebt, das im Laufe der Jahre Erprobte und Bewährie zu pflegen und zu erhalten. Jede Schule bedarf nach meiner Uberzeugung, wenn sie gedeihen soll, der ruhigen, stetigen, gleichmässigen Ent- wicklung. Rascher Wechsel in Theorie oder Praxis, einschneidende Anderungen im organischen Gefüge des Lehrplans sind vom UÜbel. Zudem hat jede Anstalt ihre Individualität, ihr besonderes Gepräge, das ihr teils Tradition, teils Umgebung aufdrücken. Mit Recht scheut man sich, einem unfruchtbaren Schematismus zu Liebe, solche Verschiedenheiten zu beseitigen, vorausgesetzt, dass in den allgemeinen grundlegenden Fragen Übereinstimmung herrscht.

Dass dies in den beiden mir bekannten Gymnasien zu Jena und zu Eisenach der Fall ist, möge Ihnen die folgende Ausführung über Wesen und Ziel der Gymnasialbildung zeigen. Ich bin mir wohl bewusst, hier nichts Neues zu bieten. Das, was ich für richtig halte, verdanke