Antrittsrede des Direktors,
gehalten den 12. April 1904.
Durch die höchste Entschliessung unseres allergnädigsten Landesherrn und durch das Ver— trauen des hohen Ministeriums aus dem Lehrkörper der jüngsten Bildungsanstalt unseres Gross- herzogtums in Jena an die Spitze der ältesten Schwesteranstalt hier in Eisenach berufen, möchte ich in dieser feierlichen Stunde vor allem das Gefühl demütigen Dankes gegen Gott den All- mächtigen, der mich bisher so freundlich geleitet, zum Ausdruck bringen. Gerade in Wendepunkten des menschlichen Lebens, in Zeiten der Selbstbesinnung und Selbstprüfung, wo man der alten griechischen Mahnung 7νσι ασεαάννν,„erkenne dich selbst“, eifriger als sonst wohl zu folgen geneigt ist, empfindet man so recht tief die Bedingtheit und Unvollkommenheit des irdischen Seins und fragt sich zweifelnd: wirst du der neuen, verantwortungsreichen Aufgabe genügen können? Kraft und Stärke, Trost und Hoffnung gewährt uns dann unser christlicher Glaube, durch welchen wir die Gewissheit haben, dass wer auf den Herrn hofft, neue Kraft erlangt.
So übernehme ich im Vertrauen auf Gottes Hilfe mein Amt und spreche vor Ihnen allen hier das feierliche Gelöbnis aus, dass ich für das Blühen und Gedeihen der mir anvertrauten Anstalt mit allen meinen Kräften wirken werde. Hierzu bitte ich um Ihre tätige Mithilfe, meine hochgeehrten Herren Kollegen. Für die in einem Lehrkörper vereinten Männer hat das Wort: »Einigkeit macht stark“ ganz besondere Geltung. Nur durch gemeinsame, gleichgerichtete, un- ermüdliche Taâtigkeit dürfen wir hoffen, das hohe Ziel der sittlich-religiösen Jugendbildung, das uns gesteckt ist, zu erreichen, oder wenigstens ihm nahe zu kommen. Euch aber, liebe Schüler, erinnere ich an das, was Ihr beim Eintritt in die Schule auf Grund der Schulordnung gelobt habt, und ermahne Euch, jederzeit fleissig und ordnungsliebend, gehorsam und ehrerbietig, treu und wahrhaftig zu sein und die Ehre und den Ruhm Eures Gymnasiums, dessen Farben Ihr tragt, hoch zu halten. Endlich richte ich an die Eltern und Pfleger unserer Schüler die herzliche Bitte, das meinem hochverehrten Herrn Vorgänger in so reichem Masse geschenkte Vertrauen auch auf den Nachfolger zu übertragen. Lehrt doch die Erfahrung, dass wahre, gesunde Jugendbildung nur durch das harmonische Zusammenwirken von Schule und Haus gedeihen kann. Denn da das Haus mehr das individuelle Beste des Schülers, die Schule mehr die Wohlfahrt des Ganzen im Auge hat, so ist eine Verständigung beider nicht nur nützlich, sondern durchaus notwendig. Die Schule wird für aufrichtiges Entgegenkommen des Elternhauses stets empfänglich und dankbar sein und Offenheit mit gleicher Offenheit erwidern.


