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lich einem Mitgliede des damals(1704— 1741) in Eisenach bestehenden und dem Gymnasium illustre, dem jetzigen Karl Friedrich-Gymnasium, angegliederten Seminarium theologicum, in einer Ansprache willkommen geheissen wurden. Dann gieng der Zug paarweise durch die Stadt nach der Kreuzkirche am Predigertor, und hier hielt der Stiftsprediger¹) eine Andacht ab. Hierauf bewegte sich der Zug zurück auf den Markt. Der erste Transport wurde, weil wenig zahlreich, auf dem Rathause einquartiert, wobei Herzog Wilhelm Heinrich es sich nicht nehmen liess, aus der Herzoglichen Küche im damaligen Residenzschloss an der Esplanade ²) die leibliche Ver-— pflegung zu senden, ebenso am Morgen der Abreise Frühstück und Wegzehrung. Der zweite und dritte Transport mussten natürlich wegen ihfer numerischen Stärke in Bürgerquartieren unter- gebracht werden, während die den Emigranten gehörigen Pferde bei den Besitzern der Brauhöfe eingestellt wurden.
Da ist es nun gradezu rührend, dass, wie in unserem Aktenstück von dem Stadtschreiber Wolff berichtet wird, als der Zug am Rathause angelangt war und die Vierleute der Stadt ³) die Quartierbillets verteilen wollten, jede Emigrantenfamilie schon vergeben und versorgt war: die Bürger hatten sich schon unterweges an die Leute herangemacht und sie zu sich eingeladen; gar mancher Bürger war tief betrübt, dass er die ihm von Rat und Vierleuten zugeteilten Gäste nun nicht bekam. Doch diese Bürger wollten nicht zurückstehen in Beweisen des Wohlwollens gegen die armen Exulanten: sie veranstalteten unter sich eine Geldsammlung, und von der zusammen- gebrachten Summe konnten neben den vom Rat und der Landesherrschaft gespendeten Geldern den Emigranten bei der Weiterreise nicht unerhebliche Geldgeschenke überreicht werden. Es fielen doch auf den Kopf aus den Erträgen dieser freiwilligen Sammlung mehrere Taler, während aus Mitteln der Stadt dem erwachsenen Manne 16 Groschen, der Frau 12, dem Knaben 8, dem Mädchen 6 Gr. per Kopf als Viaticum gereicht wurden, und Herzog Wilhelm Heinrich jedesmal noch reichliche Summen spendete. Auch Kleidungsstücke, Wäsche, Leinwand und Nahrungsmittel wurden von allen Seiten herbeigebracht und gespendet zur Verteilung an die Exulanten durch die Vierleute, und gar manches noch mag diesen von ihren Quartierwirten privatim gegeben worden sein.
Der zweite Tag des Aufenthaltes der Salzburger verlief in der Weise bei allen 3 Transporten übereinstimmend, dass frün um 8 ½ Uhr ein feierlicher Festzug Vor dem Rathause sich bildete, der am Herzoglichen Schloss auf der Esplanade vorüber nach der St. Georgenkirche zog, woselbst durch den Oberpfarrer und Generalsuperintendenten Nicander ein Festgottesdienst¹) abgehalten wurde, woran sich eine vom Archidiakonus Dittmar geleitete Katechese, alias Bibelstunde, mit den Emigranten anschloss. Dann ordnete sich der Zug wieder und gieng zum Rathause, wo er sich auflöste. Nunmehr wurden die Emigranten auf Kosten des Herzogs gespeist. Nachmittags fand, wie wir jetzt sagen würden,„gemütlicher Verkehr“ zwischen den Bürgern und ihren Gästen auf dem Ratskeller oder im herzoglichen Schlossbrauhause, jetzt„der Dunst“ genannt, statt; viele der
¹) d. i. der Hofprediger des damals in Eisenach residierenden Herzogs, damals Pastor M. Kellner.
²) vgl. Storch, hist. top. Beschr. von Eisenach, p. 100.
³) vgl. Kühn, Die Wandlungen der städt. Verfassung in Eisenach. Progr. d. Karl Friedr.-Gymnas. 1904, p. 10.— In dem Verzeichnisse der städt. Behörden, das wir im sog.„Ratsregiment“ von der Hand des Stadtschreibers Pfefferkorn besitzen, fehlen die Namen der Quatuorviri oder Vierleute seit 1635, obwohl die Körperschaft weiter bestanden hat bis 1815, vgl. ebenda p. 16.
⁴) Es wurden dabei nicht weniger als 6 Lieder gesungen.


