Jahrgang 
1902
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II. Zur Eudemischen Ethik.

Die Eudemische Ethik ist bekanntlich ein Schmerzenskind der Kritik. Schritt für Schritt muss man sich den Text gewissermassen erst erkämpfen, wenn man sich nicht von vornherein durch das Ubermass der Entstellungen von jedem Versuch der Besserung abschrecken lässt. Eingehendere Be- schäftigung mit der Sache führt indess zu der Erkenntnis, dass man keiner völlig hoffnungslosen Aufgabe gegenüber steht. Die überlieferten Schriftzüge erweisen sich doch nicht selten als Zeugen, denen man, so wenig sie anfangs auch von der Sache zu wissen scheinen, durch vernünftiges Zureden und Eingehen auf ihre Eigenart die Wahrheit abfragen kann. Ist einmal durch allseitige Erwägung die notwendige Folge des Gedankenganges festgestellt, so findet sich die Heilung der handschriftlichen Schäden mitsammt ihrer paläographischen Erklärung oft wie von selbst eine Art Probe auf das Rechenexempel.

Für die Richtigkeit des Gesagten glaube ich mich auf einen früheren Aufsatz berufen zu dürfen in den Jahrb. f. class. Phil. 1894 p. 729 752. Es handelte sich dort um die beiden letzten Bücher der Eudemischen Ethik, die sich in besonders verwahrlostem Zustand befinden. Aber auch die drei ersten Bücher, aus denen in jenem Aufsatz nur einige wenige Stellen behandelt worden sind, bieten der Schwierigkeiten genug. Sollte es mir gelungen sein, durch die folgenden Ausführungen eine Anzahl derselben hinwegzuräumen, so dürfte ich mir schmeicheln, dem Eudemos, auch abgesehen von der grösseren Lesbarkeit seiner Schrift, einen Dienst erwiesen zu haben. Denn die Textesschäden sind oft der Art, dass das Urteil über die philosophische Bildung und den philosophischen Standpunkt des Verfassers darunter leiden musste. Nicht nur seine logische Schulung stellte sich zuweilen in

einem etwas fragwürdigen Lichte dar eine auffällige Erscheinung bei einem, noch dazu dem Aristoteles so nahe stehenden, Peripatetiker sondern auch sein ethischer Standpunkt schien in

einer für ihn wenig günstigen Weise von Aristoteles abzuweichen. Sehr mit Unrecht. wie ich an einem besonders charakteristischen Beispiel in meinem früheren Aufsatz p. 748 f gezeigt habe. Eudemos gehört nicht zu den Geistern ersten Ranges. Er ist eben nur Jünger des Meisters, und sein Ehrgeiz besteht darin, die Lehre der Schule in Fluss zu erhalten, die Gedanken des Meisters von dieser oder jener Seite neu zu belenchten und in mehr nebensächlichen Punkten vielleicht auch weiter zu bilden. Er sucht nach neuen Wendungen und Beispielen und bietet in Fassung und An- ordnung der Gedanken manches Eigentümliche, allerdings nicht ohne einen Stich ins Kleinliche und Spitzfindige. Auch im Ausdruck hat er oft etwas Gesuchtes und Ungewöhnliches. An der grund- legenden Lehre des Aristoteles hat Eudemos überall festgehalten und vor allem von der Hoheit und Reinheit der aristotelischen Moral nichts nachgelassen. Alles in allem ist er uns trotz mangelnder