Jahrgang 
1902
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für alle Gymnasiallehrer voraus, wie es bisher im Ganzen und Grossen ja auch Regel War. Von dem Vertreter des Griechischen dagegen kann man nicht verlangen, dass er geradezu ein Polyhistor sei. Der wievielste Lehrer dieses Faches wird z. B. nicht einigermassen besorgt sein, von der erhabenen und Ehrfurcht gebietenden Stellung, die ihm Wilamowitz im Lehrkörper anweist(p. 210), etwas einzubüssen, wenn er in die Lage kommt, seine verblassten mathematischen Kenntnisse vor den Schülern zu lüften?

Trotzdem würde ich es durchaus nicht unrecht finden, wenn an Anstalten, wo Stimmung dafür ist, das Experiment gewagt würde. Eine allgemeine(zwangsweise) Einführung aber würde sicherlich mehr Verwirrung als Segen stiften.

Was sich alle Verfechter und Vertreter des Griechischen aus den Wilamowitzschen Vorschlägen zu Herzen nehmen können, das ist die Forderung der Einschränkung des Grammatischen. Wilamowitz dehnt diese Forderung auf den gesammten Betrieb des Griechischen aus. Ich möchte sie wenigstens für die oberen Klassen in Bezug auf die Extemporalien beachtet wissen. In der obersten Klasse lasse man entweder gar keine Ubersetzungen aus dem Deutschen ins Griechische anfertigen, oder man halte sie in den denkbar einfachsten und elementarsten Formen. Vor allem mache man aus Accentfehlern keine Haupt- und Todsünden, sondern lasse sie am besten ganz ungestraft. Die Accente überhaupt wegzulassen, wie Wilamowitz für den griechischen Unterricht fordert, scheint mir nicht zweckmässig, ungeachtet dessen, was er über ihren Ursprung Lehrreiches mitteilt. Für die Er- lernung des Griechischen sind die Accente eher eine Stütze und Förderung, als eine Erschwerung, und einmal erlernt, lassen sie sich überhaupt nur schwer wieder abstreifen. Für die viel einfacheren Betonungsgesetze des Lateinischen kommt man jetzt dem Sextaner in den Lehrbüchern zuweilen durch Accente zu Hilfe und lässt sie beim Sprechen durch Bewegung der Hand und des Armes wie mit einem Taktstock den Ton markiren. Wie viel wünschenswerter ist das für die verwickelteren Be- tonungserscheinungen des Griechischen.

So abweichend von einander also im Einzelnen wie im Ganzen die Ansichten über den griechischen Unterricht zur Zeit sein mögen, dass er überhaupt fortbestehen und in Ehren bleiben soll, das ist ein sicher erfreuliches Ergebnis der Verhandlungen. Wir haben also allen Grund, den beiden gelehrten Anwälten desselben dankbar zu sein, dem Philologen, dass er sich überhaupt um uns so eingehend

gekümmert hat(was nach mancher früheren Ausserung nicht so unmittelbar zu erwarten stand), dem Theologen, dass er Griechenland gegeben hat, was Griechenlands ist.