Jahrgang 
1902
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im griechischen Unterricht gelesen worden ist. Gar vieles wird es nicht sein können, weil eben die griechische Lektüre sich ihres pädagogischen Rechtes berauben würde, wenn ihre Auswahl aus- schliesslich nach diesem Gesichtspunkte getroffen würde. Der griechische Unterricht soll die Ach- tung vor der geistigen Höhe griechischer Schöpfungen und wenn es gut geht, auch die Liebe zu ihnen in das Gemüt der Jugend pflanzen. Gelingt es, so wird das ganz von selbst jenem geschichtlichen Bewusstsein zu Hilfe kommen. das an sich auch ohne griechischen Unterricht geweckt werden kann, nur freilich in keinem Falle in dem Masse, wie es Wilamowitz wünschen mag. Auch mit allem Griechisch wird die Schule dies Bewusstsein niemals zu einer Lebhaftigkeit steigern können, wie es z. B. unsern Dichterfürsten ohne Griechisch zu eigen war.

Wo bleibt nun über alle dem das griechische Lesebuch, von dem ich dieser Kleinigkeit den Namen zu geben mir erlaubt habe? Wer die Verhandlungen gelesen hat, weiss, dass das Gutachten, welches Wilamowitz über den griechischen Unterricht verfasst nat, ein griechisches Lesebuch in Vor- schlag bringt, für das er eine vollständige Skizze entworfen hat. Wenn ich den Inhalt desselben hier kurz nach den Kapitelüberschriften hersetze, wird man pald erkennen, dass ich mich über das Wesentliche der Sache im Obigen bereits ausgesprochen habe.

Es soll enthalten: 1. Novellen. 2. Geschichte. 3. Politische Theorie. 4. Naturkunde und Erdkunde. Das vorkopernikanische Weltall(Sic!). 5. Mathematik. Physik, Technik. 6. Gesundheits- lehre. 7. Philosophie. S. Altchristliches. 9. Asthetik und Kritik. 10. Varia.

Dies Lesebuch, entworfen mit dem grossen Überblick über die griechische Litteratur, wie er wenigen in dem Masse zu Gebote stehen dürfte wie Wilamowitz, ist zweifellos ein höchst interessanter Versuch, der jedem Lehrer des Griechischen zur Förderung des eigenen Wissens grosse Dienste leisten könnte. Dass die einzelnen Stücke innerhalb jedes Kapitels(p. 211 215) mit sicherem Blick

für das Charakteristische aus gewaltigen Litteraturmassen ausgewählt worden sind, wird jeder von 8 8.

vornherein dem Verfasser zutrauen.

Man könnte es also wohl eine Art griechischer Encyclopädie oder vielleicht auch ein griechisches Realienbuch für Gymnasien nennen. Ubrigens soll es keineswegs allein oder auch nur vorwiegend den Kreis der griechischen Lekrüre füllen. Den Hauptstock der Lektüre sollen vielmehr llomer, die Tragiker und Platon bilden. Das Lesebuch soll im Wesentlichen nur einer Klasse den ausschliess- lichen Lesestoff bieten, für die andern mehr zur Füllung und Gelegenheitslektüre dienen. Aber das hebt doch nicht die Bedenken, die dem schulmässigen Gebrauch des Buches entgegenzustehen scheinen. Bei einer so rasch wechselnden Lektüre können die Schüler nicht warm werden. Gegen den alten Grundsatznon multa, sed multum wird hier um so härter verstossen, als bei der Eigenart des Griechischen ein rasches Uberspringen von einer Stilart in die andere noch etwas mehr besagt, als in mancher andern Sprache. Vor allem aber verschiebt es den Gesichtspunkt, der mir für die griechische Lektüre nach dem oben Entwickelten massgebend scheint.

Die Aufgabe, die hier dem Lesebuch zugewiesen wird, nämlich von den verschiedensten Seiten die Fäden von der Gegenwart nach der Vergangenheit zu ziehen, kommt meines Erachtens, wie schon pemerkt, den betreffenden einzelnen Disciplinen und deren Vertretern selbst zu, die das ohne Lese- buch besser besorgen werden als der griechische Lehrer mit seinem Lesebuch. Denn jene gehen aus von der von ihnen, wie man wenigstens annehmen darf, beherrschten Sache und dem ummittel- baren Interesse an ihr, das Lesebuch dagegen geht von dem historischen Interesse aus und führt von da ganz fragmentarisch auf die Sache. Das setzt freilich ein gewisses Mass classischer Bildung