Jahrgang 
1902
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Menschlichkeit bei allem Ubermenschlichen, sodann darin, dass sie ein allmä chtiges(übermächtiges nennt es Goethe im Winckelmann) Schicksal hatten, dem selbst die Götter unterstanden. Bei uns steht die Gottheit über dem Schieksal, zieht sich aber für die landläufige Vorstellung mit dem Schicksal in Eines zusammen. Dies lebendig gewordene Schicksal(die Vorsehung) giebt, wie jeder sieht, der Eigenmacht menschlicher Geisteskraft bei weitem nicht den Spielraum, wie jenes leblose Schicksal.

So wären denn Epos und Tragödie zwei Gebiete, auf denen die Griechen für alle Zeiten den preis errungen haben. Und eben darum sind diese beiden Gattungen griechischer Litteratur, ganz abgesehen von allen geschichtlichen Culturzusammenhängen und dem Bewusstsein davon, für unsere höhere Jugend so überaus fruchtbare Bildungselemente

Und sie sind nicht die einzigen. Kein Volk hat solcher ewig giltigen Leistungen mehr aufzu- weisen als die Griechep. Wilamowitz ist dess selbst Zeuge. Denn er hat Momente, wo er die ge- schichtliche Zwangsjacke, in die er uns stecken vill, selbst abstreift und die unmittelbar wirksame Kraft griechischen Geistes als eine in ihrer Art höchste und nicht zu überbietende, also für alle Zeiten giltige Potenz anerkennt. Platon ist es, der es ihm angethan hat. Ihn möchte er recht, eigentlich gum Führer der reiferen Jugend gemacht wissen. Warum? Doch gewiss nicht, um das Bewusstsein des historischen Zusammenhangs zwischen uns und den Griechen recht wach zu erhalten, sondern weil unsere Jugend an ihm, wenn sie seines Geistes wirklich einen Hauch verspürt, eine gute Wehr und

Waffe gewinnt gegen den materiellen Geist unserer Zeit und gegen die Jämmerlichkeit angeblicher

philosophischer Weisheit, wie sie sich jetzt ungescheut selbst von Kathedern aus breit machen darf.

In der That bezeichnet Platon einen Höhepunkt in der Geschichte der Philosophie, wie er in dieser Weise nicht wieder erreicht werden kann. Der Tendenz und dem treibenden Grundgedanken nach wird keine Philosophie je über Platon hinauskommen, so unentwickelt und unvollendet auch die wissenschaftliche Haltung des ganzen Philosophems noch ist. Vielleicht liegt gerade in diesem letzten Umstand mit der Grund seiner unvergleichlichen Wirkungskraft. Platon hat das eigentliche Geheimnis der Philosophie erkannt und offenbart. Aber die Kunst des Abstrahirens war zu seiner Zeit noch nicht weit genug gediehen, um zu der grossartigen Weltansicht den festen wissen- schaftlichen Unterbau zu liefern. Das schwierige und mühsame Werk des Zergliederns unsrer Er- kenntnis in ihre Flemente, sowie die allmähliche Aufklarung über die Bedeutung der Abstractionen, dies eigentliche Geschäft der Philosophie als Wissenschaft, begann in streng methodischer Weise erst mit Aristoteles. Dieser ist der Ahnherr der zünftigen Arbeiter in der Philosophie. Es bedurfte noch des ganzen weiten Weges von Aristoteles bis Kant, um die platonische Lehre, ihrer grossen dialektischen Irrtümer entkleidet, in ihrer wahren und wissenschaftlich vollendeten Gestalt erscheinen zu lassen, als transcendentalen Idealismus, und ihr damit einen ganz andern Rang zu geben, als den einer blossen geistvollen Hypothese, den sie bei Platon hat.

Die schwache Seite der platonischen Philosophie, das Unzünftige derselben, die Verkennung der wahren Natur der Abstractionen und der Mangel an logischer Orientirung all das war gerade eine Bedingung ihrer ausserordentlichen Wirkung und ist es noch jetzt. Platon ist noch nicht belastet, mit dem schweren, wissenschaftlichen Rüstzeug, das den an die Philosophie Herantretenden in der Regel mehr abschreckt als anzieht. Seine Jünger brauchen nicht, um auf die Höhe der Speculation zu kommen, die lange Stufenleiter der Abstractionen(die Platon selbst erst zum geringen Teil kannte),

mühsam zu erklimmen. Ihr Meister hebt sie empor mit einer Art magischer Kraft. Verstand.

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