Jahrgang 
1902
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für die Leistungen der Griechen auf gewissen Gebieten gerade in ihrer geschichtlichen Bedingtheit, zugleich die Bedingung der höchsten Vollendung liegt. Niemals wird herrlicher und reiner als in der griechischen Tragödie das tragisch Erhabene in seiner edelsten Gestalt zum Ausdruck kommen. Allerdings hat das geschichtliche Werden der attischen Tragödie als solches mit philosophischen Gesichts- punkten an sich nichts zu thun. Und man sieht wohl, wie der einseitig den historischen Standpunkt betonende Forscher dazu kommen kann. schon den Aristoteles etwas scheel anzusehen dafür, dass er sich auf dem der Philosophie doch wohl zustehenden Wege der Abstraction einen Begriff der Tra- gödie bildet, welcher der thatsächlichen geschichtlichen Erscheinungsform der attischen Tragödie nicht in allen Stücken Rechnung trägt. Aber das darf uns nicht abhalten, nicht nur dem Aristoteles sein gutes Recht zu wahren, sondern auch die noch viel weiter gehenden Ansprüche der neueren Philo- sophie an begriffliche Bestimmung der Tragödie als wohlbegründet anzuerkennen. Und wir dürfen dies um so zuversichtlicher, als die attische Tragödie dabei wahrlich nicht zu kurz kommt. Der Sieg ist ihr gewiss, wenn auch für diese Art von Schätzung mancher geschichtlich vielleicht wichtige Ge- sichtspunkt zurücktreten muss.

Wenn Schiller die unübertreffliche Exposition des Begriffs des Erhabenen, die uns Kant ge- geben, für die Tragödie verwertete, so hat er als berufener Vertreter der philosophischen Asthetik nur gethan, was seines Amtes war. Und so wenig wir etwa verachten wollen, was mit diesen For- derungen nicht oder wenig übereinstimmt, so bestimmt nehmen wir doch die Befugnis für uns in Anspruch, diejenigen Tragödien für die dem Wesen der Gattung am meisten entsprechenden zu er- achten, die diese Anforderungen erfüllt zeigen.

Das tragisch Erhabene aber tritt uns in der Kunst nicht sowohl da entgegen, wo blosse Rüh- rung erweckt wird, als einerseits da, wo es sich handelt um den Gegensatz von Freiheit und Natur- notwendigkeit(Schicksal), wo es also gilt, den ungebrochenen Widerstand gegen die Hemmnisse des Schicksals, die Erhebung über allen Wechsel des Glückes, die siegende Kraft der Idee auch beim Er- liegen der niedern Natur zu schildern, anderseits da, wo es dem Dichter, wie nicht selten dem Aschylos, gelingt, eine Ahmnung zu erwecken von dem geheimnissvollen Weben und Wehen einer Allmacht, die allem menschlichen Denken und Rechnen überlegen ist-

Namentlich in ersterer Beziehung haben die Griechen, hat uns die attische Tragödie unerreichte Muster gegeben. Man lese den Philoktet, die Antigone. Bei allem Schmerz steht ihr Geist doch unberührt erhaben über diesem Elend, so dass man gar nicht dahin kommt, sich in die Stelle des Leidenden zu versetzen und sich dem Mitleid hinzugeben: das Mitleid weicht der Bewunderung der Heldenkraft. Am höéchsten steht darin des Aschylos Prometheus, der mit all seinem Elend über Menschengrösse hinausragt und in seiner Götterhöhe jedes Mitleid verachtet. Aber selbst Euripides, der es an Rübrung nicht fehlen lässt wie viele Bilder erhabener Seelengrösse bietet auch er. In dieser Erhebung über alle Furcht und alles Mitleid besteht die wahre 2νιαασςα τπJᴵ- ñ eroy, die man von der Tragödie in ihrer höchsten Form zu verlangen hat, gleichviel, was sich Aristoteles darunter gedacht baben mag. Auch macht es für die Sache selbst nichts aus, ob die alten Dichter selbst, die ja nicht immer dieser Idee gefolgt sind, sich, wenn sie es thaten, von einer klaren Ein- sicht in das Wesen der Tragödie leiten liessen.

Was ist nun die Bedingung dieser höchsten Darstellung des Tragischen, die den Griechen zu er-

reichen vergönnt war? Sie liegt einmal darin, dass sie eine Welt der Heroen hatten von echtester