Jahrgang 
1902
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zeichnet erscheint, so wird ihm selbstverständlich niemand sein subjectives Recht dazu bestreiten wollen: nur dass er so geradezu im Namen der Wissenschaft spricht, könnte einen Leser, der etwas zur Ubellaunigkeit neigt, vielleicht ein klein wenig verdriessen. DieseWissenschaft, die alles bloss im l'lusse sieht, ist selbst im Flusse begriffen und kann in einem andern Stadium ihres Laufes wieder zu ganz anderer Erkenntnis gelangen.

Der vorbildliche und classische Wert gewisser Geistesschöpfungen Griechenlands wird sich trotz zeitweilig veränderter Schätzung immer wieder durchsetzen, so lange es noch eine höhere, über die ummittelbaren Interessen der Gegenwart hinausreichende Geistesbildung giebt.

Gewiss, der Menschengeist ist, wie jederzeit des Irrtums fähig, so auch immer bis zu einem gewissen Grade wenigstens der Anregung nach von zeitlichen und räumlichen Verhältnissen abhängig. lor schafft bei jedem Volke ungeheuer viele Windgeburten, ystei aue ον᷑ deνα αωοαφσσα, wie sie Platon nennt, er schafft aber in jeodem höher begabten Volke auch ungeheuer viel wirklich Wertvolles. Mag dies nun in der weit überwiegenden Masse auch nur für seine Zeit vollgiltig sein und mit dieser verschwinden oder veralten oder wenigstens an Bedeutung verlieren, so giebt es darunter doch auch einiges von dauernder und allgemeiner Bedeutung, unübertroffen und unübertreffbar, daher mustergiltig für alle Zeiten. Und das behaupten wir, wenn von irgend einem Volke, von dem der Griechen. Auch sind wir überzeugt, dass Wilamowitz im Grunde nicht anders urteilt und dass er nur unter dem Banne eines gerade durch seine eminenten Forschungen mit gross gewordenen Vorurteils steht, das ich kurz das geschichtliche Vorurteil nennen will. Denn woher käme denn sonst seine Begeisterung für das Griechentum? An einen Gegenstand von nur historischer Bedeutung verschwendet kein Verständiger diesen lonthusiasmus.

1is wäre in der That ja auch trostlos, wenn die Geistesarbeit und überhaupt die Erscheinungen des geistigen Lebens nirgends und auf keinem Gebiet einen höchsten Punkt erreichen könnten. Es liegt vielmehr gerade darin eine Art ausgleichender Gerechtigkeit, dass in der einen Zeit diese, in der andern jene Form geistiger Thätigkeit ihren höchsten und unübertroffenen, ihrenclassischen Ausdruck findet.

Wir wollen nun hier nicht die Saite anschlagen, die Schiller in seinen Göttern Griechenlands erklingen lässt, also nicht von dem ästhetischen Charakter der griechischen Gultur überhaupt reden, so nahe das auch an sich läge, Für die Schule aber kommt dies nur mittelbar in Betracht. Wir be- schränken uns auf duas, was für sie von unmittelbarer Bedeutung ist, auf gewisse Gebiete der Litteratur.

Lpische Dichtung von der Vollendung, wie sie die Griechen gehabt, wird keine Zeit und kein Volk wieder bringen. Wir sind ja jetzt im Stande, das Erdenrund zu überblicken. Wir kennen die Völker, die es bewohnen. Wir wissen, dass eine Jugendzeit der Menschheit nicht wiederkehren wird und auch keine relative Verjüngung. Die letzte grossartige Erscheinung dieser Art war das Eingreifen der Germanen in die Weltgeschichte. 1os giebt kein noch verborgenes zweites Germanenvolk, von dem eine Auffrischung der Menschheit, eine Art Wiodergeburt zu erwarten stünde. Um so dankbarer müssen wir sein, dass wir uns wenigstens künstlich unmer wieder zurückversetzen können in jene Jugendzeit, und vor allem, dass wir unsere Jugend aus diesem unvergleichlichen Quell frischester Geisteskraft Schöpfen lassen können.

Doass das Griechentum etwuas geschichtlich Bedingtes sei, wird niemand bestreiten wollen.

Welche Jlorscheinung un Völkerleben ware duas nicht? Aber duas ist eben der glückliche Fall, dass