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Ein griechisches Lesebuch.
Die V erhandlungen der Berliner Conferenz über Fragen des höheren Unterrichts haben zu einem vielfach überraschenden Sieg der Sache des Griechischen geführt. Zu verdanken ist das Ergebnis vor- nehmlich dem Umstande, dass diese Sache in Harnack und Wilamowitz zwei ebenso geistvolle wie beredte und energische Anwälte gefunden hat. Der leitende Gesichtspunkt für beide ist der, dass die griechische Cultur die Grundlage nicht nur unserer modernen deutschen Cultur, sondern der- jenigen aller höher gebildeten Völker geworden sei. Das Bewusstsein dieses Zusammenhangs dürfe nicht verloren gehen, sondern müsse noch kräftiger betont und wach erhalten werden als bisher.
In den näheren Ausführungen indess tritt doch ein bemerkenswerter Unterschied in der An- schauungsweise beider Gelehrten hervor. Dieser Gegensatz lässt sich kurz folgendermassen kennzeichnen:
Wilamowitz fordert Verabschiedung des Vorurteils von der vorbildlichen Bedeutung des Griechen- tums. An seine Stelle soll treten die wachsende Einsicht in den geschichtlichen Werdegang und die Entwickelung der griechischen Cultur selbst, wie ihrer Bedeutung als einheitlicher Grundlage für die moderne gebildete Welt. Auch für den Unterricht soll leitende Idee sein nicht die Pflege des Voll- endeten, Mustergiltigen, sondern die Förderung der Erkenntnis von der geschichtlichen(relativen) Bedeutung eines weltgeschichtlich hervorragenden Volkes, wie es die Griechen waren.
Anders Harnack. Bei aller Betonung des historischen Gesichtspunktes unterlässt e rdoch nicht. darauf binzuweisen, dass die Geistesgeschichte wie überhaupt, so insbesondere bei aen Griechen, Leistungen aufweist, die einen nicht bloss zeitlich bedingten, sondern ewig giltigen Wert haben, leuchtende Muster für alle Folgezeit, eben darum auch wirksamster Stoff für den Unterricht.
Verweilen wir einen Augenblick bei diesem Gegensatz, der manchem vielleicht nicht weiter erheblich scheinen wird. In der That begegnen sich ja beide in der begeisterten Verehrung des Griechentums. Allein Wilamowitz geht dabei doch von heeen eß aus, die in voller Strenge genommen, wie er es offenbar will, eine Anerkennung griechischer Leistungen im Sinne Harnacks ausschliessen.
Wenn Wilamowitz die Unfehlbarkeit und Mustergiltigkeit des Griechentums überhaupt, d. h. in allen seinen Erscheinungen, bestreitet, so kämpft er gegen ein Dogma, dessen Glanzzeit doch ziemlich weit zurückliegt. Es ist begreiflich, dass die Entdeckung der geistigen Grösse der Griechen anfangs zur Überschätzung und teilweis zu blinder Bewunderung unter Verzicht auf jede objective Kritik führte. Ihnliches zeigt sich bei jeder grossen Entdeckung. Wachsende Erkenntnis lehrt richtiger sehen. Die Übertreibungen fallen und das Richtige bleibt stehen. Und etwas Richtiges ist zweifellos auch an jener Entdeckung. Wenn Wilamowitz in Bausch und Bogen gegen die Classicität der Griechen, um mich dieses von ihm einigermassen verfehmten Ausdrucks zu bedienen, abspricht, und zwar mit einer Entschiedenheit, dass die Vorstellung von Mustergiltigkeit als durchweg unberechtigt gekenn-


