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Mit Geistes Aug' und Ohr begabt, erhaben hoch,
Der alles hört, was aus des Menschen Munde kommt, Und alles sieht, was einer unter ihnen thut.
Sinnst aber im Geheimen du auf Frevelthat,
So wird's den Göttern nicht entgehen; denn sie sind Allwissend. Solches spricht er. Und mit diesem Trug Führt er geschickt die klügste aller Lehren ein,
Der Wahrheit Glanz verdunkelnd mit der Lüge Kunst. Den Wohnsitz für die Götter liess er droben sein,
Von wo zumeist der Mensch von Schrecken wird bedroht, Von wo die Angst bedrängt den schwachen Erdensohn, Und doch auch Segen dem gequälten Leben kommt, Von hoher Wölbung, wo der Blitze Zucken spielt,
Und wo des Donners Stimme dröhnt. Doch ist's zugleich Das sternbesäte Himmelszelt, so hehr zu schau'n,
Das schöne Mass der Zeit, das hohe Wunderwerk,
Von dem der lichte Glanz der Sterne sich ergiesst Und feuchtes Nass als Regen auf die Erde rinnt.
So weckte er den Menschen Schrecknis überall
Und wies der Gottheit passend ihren Wohnsitz an Und liess statt Willkür walten das Gesetz und Recht. So hat zuerst ein Maun der Sterblichen Geschlecht Zum Glauben an der Götter heil'ge Macht geführt.
Es ist offenbar nicht eine in der Sache selbst liegende Nötigung, die zu so frivol-frei- geisterischen Ansichten und Auslassungen geführt hat. Diese sind vielmehr dis Folge des kaum zu überbrückenden Gegensatzes, in dem sich ein fortgeschrittener Geist zu der widerspruchsvollen polytheistisch-anthropomorphischen Anschauungsweise der grossen Masse und insbesondere zu dem naiven Gedanken befinden musste, dass die Götter sich unmittelbar an der Kulturarbeit der Menschen beteiligt hätten. Ein reiner Gottesglaube steht in keinerlei Widerspruch mit der Ansicht, dass der Mensch sich selbst allmählich von Rohheit zur Gesittung, von der Natur zur Kultur empor- gearbeitet habe. Der Kreis menschlichen Schaffens und Wirkens, so klein und untergeordnet er ist, zeigt uns den Menschen doch nach zwei Seiten hin fähig, seine eigne Macht zu bewähren: es ist erstens jeder im Stande und fühlt sich innerlich durch sein Gewissen dazu angehalten, über die Rohheit bloss sinnlicher Antriebe sich zu sittlicher Selbstzucht und dem Ernst der Pflichterfüllung zu erheben. Hier kann und muss jeder für sich selbst einstehen. Im Grunde ist das ja auch nichts anderes als die Forderung, dass er den göttlichen Funken, der in ihn gesenkt ward, nicht ersticken lasse. Und zweitens vermag er in thätige Gemeinschaft mit seinen Mitmenschen zu treten und als Glied in einer fortlaufenden Kette, in der eine Generation ihre Errungenschaften an die nächste vererbt, seine Kraft in den Dienst einer Arbeit zu stellen, deren Ziel er in seinem eignen Verstande vorgezeichnet findet. Eines dieser Ziele ist die zunehmende technische Beherrschung der Natur, die wir im engeren Sinne Kultur nennen. Sie soll sein Werk sein, denn dazu ward er mit der Kraft des erfinderischen Geistes ausgerüstet. Das Maass dieser Kraft kann er sich freilich nicht selbst bestimmen, sondern muss es, ebenso wie Gunst oder Ungunst der Verhältnisse, unter denen er wirkt, mitsamt allen höheren Bedingungen seines Daseins demütig aus der Hand des Allmächtigen hinnehmen, dankbar, wenn es ihm beschieden sein sollte, mehr als andere zum Heile der Menschheit beizutragen.


