Jahrgang 
1901
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1⁵ der ältesten Kulturstufen enthalten, in verhältnismässig gutem Zustand. Auch hier wird namentlich, wie in der Schilderung des Lucrez, der natürliche Ursprung der Sprache betont, unter Polemik gegen die Lehre, dass die Sprache auf Uebereinkunft beruhe oder durch göttliche Mitteilung entstanden sei. Nach der Bearbeitung und den Ergänzungen Useners lautet diese Ausführung etwa folgendermassen: Durch die Umhüllungen, die sie sich für ihren Körper herstellten, indlem sie ihn entweder durch Blätter oder durch Gras oder auch, indem sie schon Vieh töteten, durch Felle schützten, kamen sie auf die Erfindung von Kleidern, noch zwar nicht aus gezwirnten Wollfäden, sondern aus Filz oder welcher Art auch immer, dann brachte die fortschreitende Zeit, vielleicht erst bei ihren Nachkommen, den denkenden Geist auf die Erfindung des Webstuhls. Weder zu diesen Künsten, noch zu irgend einer hat man die Athene oder sonst einen der Götter zu Hilfe zu nehmen, denn das Bedürfnis und die Erfahrung im Verein mit der Zeit waren es, welche alle Künste hervorbrachten. Und ebenso- wenig ziemt es sich, zum Zwecke der Sprachlaute, ich meine der Nenn- und Zeitworte, zu denen die dem Boden entsprossenen Menschen durch ihre Laute die ersten Ansätze machten, den Hermes als Lehrer zu Hilfe zu nehmen, wie es manche meinen(denn dies Geschwatz ist sehr bekannt), oder den Reden gewisser Philosophen Glauben beizumessen, die behaupten, nach Satzung und Lehre seien den Dingen die Namen gegeben worden, damit die Menschen dadurch Zeichen hätten für die Dinge zum Zwecke der leichten gegenseitigen Verständigung. Denn lächerlich, ja der Gipfel aller Lächerlichkeit wäre dies, ganz abgesehen von der Unmöglichkeit, dass ein einziger solche Massen zur Vereinigung gebracht habe.

Man sieht leicht, dass solche Anschauungen geeignet waren, zu starkem Widerstreit mit dem volks- tümlichen Götterglauben zu führen. Die Epikureer ihrerseits nun gingen zwar nicht so weit, die Existenz der Götter überhaupt zu leugnen; sie beschränkten sich vielmehr darauf, jedes Eingreifen derselben in meuschlich irdische Angelegenheiten in Abrede zu stellen. Aber schon vor Gründung der epiku- rischen Schule hatten Freigeister sophistischer Richtung, ausgehend von ähnlichen Ansichten über den Ursprung menschlicher Kultur, eine vollständige Theorie des Atheismus entwickelt. So der bekannte Athener Kritias, dessen Verse über diesen Gegenstand, entstammend wahrscheinlich einer verloren gegangenen Tragödie von ihm, uns erhalten sind. Ich habe den Versuch gemacht, das Fragment zu übersetzen:

Im Anfang lebte wild und roh der Mensch dahin Dem Tiere gleich; Gewalt und Kraft entschied allein. Für Edles gab es keinen Sporn durch Lob und Preis, Des Bösen schlimmes Werk fand keine Züchtigung. Erst spät hat, wie es scheint, der Mensch zu seinem Schutz Gesetze aufgerichtet, dass das Recht regier' Auf Erden und der Frevelmut zu Falle käm'. Der Strafe fiel nunmehr anheim, wer sich verging. So war der Mensch durch das Gesetz gehindert zwar, Gewaltsam offenkundig Frevel zu begehn, Doch heimlich ward gefrevelt viel. So kam es denn, Dass ein verschlag'ner, aller Weisheit kund'ger Mann Erfand die Götter für die schwachen Sterblichen, Zum Schrecken für die Frevler, selbst wenn insgehcim Sie sündigten durch That, durch Wort, durch Vorsatz ploss. So führt er denn das Götterwesen ein, auf dass Es gäbe einen Gott in ew'ger Seligkeit