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Weit näher verwandt unserer jetzigen Anschauungsweise, dagegen anderseits in ihrer wissen- schaftlichen Haltung und Ausgestaltung ein gut Teil kindlicher als des Aristoteles Lehre ist die Ansicht desjenigen Philosophen des Altertums, den wir als den Hauptvertreter der zweiten jener zu Anfang bezeichneten möglichen philosophischen Betrachtungsweisen ansehen dürfen, des Epikur. Er nimmt nicht einen Kreislauf mit relativem Anfang, sondern geradlinige Entwickelung mit absolutem Anfang an.
Wir sind in der glücklichen Lage, von seinen Ansichten ein ausführliches Gemälde zu be- sitzen, durch die Hand des römischen Dichters Lucrez. Dieser begeisterte Anhänger des Epikur schildert uns, zum Teil nicht ohne Schwung, in einem leider unvollendeten Gedicht, das erst nach seinem durch einen Liebestrank herbeigeführten jähen Ende durch den Bruder des Cicero veröffent- licht ward, in sieben Gesängen die Naturphilosophie des Epikur. Zu der vollendet hinterlassenen Partie gehört die Schilderung der Entstehung und des Ganges der Kultur. Nachdem der Dichter des Menschen Entstehung aus den Bedingungen, welche die Beschaffenheit der Erde bot, dem Geiste des epikurischen Systems gemäss, auf durchaus natürlichem Wege, freilich auch ohne jeden Zug ernster Wissenschaftlichkeit, zu erklären versucht und gezeigt hat, wie die Geschlechter aller mög- lichen lebenden Wesen mit dem jungen Menschen zugleich der Erde entquollen, geht er auf die Eutwickelung und wachsende Bildung des Menschengeschlechts ein. Anfangs noch völlig mit der Natur verwachsen und durch Abbärtung und Kraft den Bedingungen derselben angepasst, wie die Tiere des Waldes, verschaffen sich die Menschen ihre Nahrung teils durch die Gaben der Fruchtbäume, teils durch Erlegung von Tieren. Später gründen sie sich der Hütte schützendes Obdach, stellen Feuer und Felle in ihren Dienst. Mit besonders lebhaften Farben malt er die Entstehung der Sprache, wie sie aus rohen Naturlauten sich Schritt für Schritt durch die ihr innewohnende eigene Triebkraft, wie ein Gewächs, ohne jede Beihilfe höherer Wesen, zur Vollkommenheit ausgestaltet. Daran schloss sich die Entdeckung der Metalle. Nach dem Eisen kam die Webekunst. Die Natur selbst endlich lehrte die Menschen Bäume zu säen, das Reis auf den Ast zu pfropfen und schliesslich die Feldfrucht dem Boden abzugewinnen. Tag für Tag wich die Waldung weiter ins Gebirge zurück. Die Zeiteinteilung wird gefunden, Scheidung des Eigentums folgt, Schiffe durchfliegen das Meer, auch die Schrift wird erfunden, endlich auch Gesang und die bildenden Künste. Zuletzt stand siegend die Menschheit ‚auf der erhabenen Höhe vollendeter Kunst und Erkenntnis'.
Die eingehende Schilderung, deren Grundzüge ich hier mitgeteilt habe, ist die Ausführung dessen, was uns von Epikur selbst kurz skizziert vorliegt in dem Brief(§ 75) an Herodot, seinem sog. ersten Brief, einem kurzen Compendium seiner Philosophie.
Wir sind aber neuerdings noch in den Besitz einer anderen merkwürdigen Urkunde für diese Ansichten der epikurischen Schule gelangt. In einem Städtchen tief im Innern des alten Lycien in Kleinasien, Oinoanda, haben Mitglieder des französischen Instituts in Athen bei dreimaligem Besuch in den Jahren 1884, 1885 und 1889 die Trümmer einer Rieseninschrift entdeckt, die ganz aus dem Rahmen der gewöhnlichen Inschriften herausfallend, nichts geringeres enthält, als einen Abriss der epikurischen Philosophie, verfasst von einem begeisterten Anhänger des Epikur und Lehrer seiner Philosophie, der wahrscheinlich in der letzten Hälfte des 2. Jahrhunderts nach Christi lebte. Unter den trümmerhaften und schwer zu entziffernden Steinen dieser Inschrift, die ursprünglich die Wand einer Stoa, einer Säulenhalle, bildete, die aber verschleppt und zu anderen Zwecken verwendet, teil- weis einer jüngeren Mauer einverleibt wurden, befinden sich diejenigen, welche den kurzen Entwurf


