Jahrgang 
1901
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Europäer Amerika bevölkerte. Die Race war besonders ausgezeichnet durch die eigentümliche Bil- dung der Stirn, wie man sie an den Sculpturen der alten mexikanischen Bauwerke dargestellt sieht. Die menschlichen Knochen zeigten durchaus die Beschaffenheit, wie die Knochen ausgestorbener und noch lebender Tiere, mit denen sie vermengt waren. Es befinden sich darunter namentlich die Knochen eines Pferdes, das ganz unserm heutigen entspricht. Das Pferd war in Amerika, als die Spanier landeten, völlig unbekannt, aber es hatte einmal dort gelebt.

Hat also Lund richtig beobachtet, so muss man annehmen, die Gattung Pferd sei in Amerika durch irgend eine Katastrophe ausgestorben, die Gattung Mensch dagegen sei, wenigstens dort, der Vernichtung entgangen, habe sich aus einer geologischen Periode in die andere, aus einem Weltalter in das andere gerettet.

Indess darf diese Analogie den grossen Unterschied nicht übersehen lassen, der gleichwohl zwischen solchen Ansichten und denen der genannten griechischen Denker herrscht. Diese waren, und zwar nach dem damaligen Stande der Wissenschaft mit vollem Recht, der Ansicht, dass die Erde von Urbeginn an, wesentlich unter denselben klimatischen und geologischen Verhältnissen, also auch ausgerüstet mit derselben Flora und Fauna, im Mittelpunkte des Weltalls geschwebt habe. Die peri- odische Erneuerung der Menschengeschichte war also ein Phänomen, das sich seit Urzeiten in ge- wissen Abständen immer wieder abspielte, während es sich nach den oben gekennzeichneten neueren Ansichten überhaupt nur um Ereignisse innerhalb der letzten Periode der Erdumbildung handelt.

Hätten Platon und Aristoteles Kenntnis gehabt von der regelmässigen Folge der Gestein- lagerungen mit ihren fossilen Resten, aus denen die Schale unserer Erde sich schichtweise zusam- mensetzt, so würden sie zweifellos ihrer Hypothese über die Entstehung der menschlichen Cultur eine ganz andere Gestalt gegeben haben.

Die Geschichte der Erde, wie die Erde sie uns selbst erzählt, zeigt, dass die jetzt lebenden Tier- und Pflanzengeschlechter erst entstanden sind und zwar in der jüngsten Periode der Aus- bildung der Erdoberfläche. Es gab eine Zeit, in der die Erdkugel erst ihre gegenwärtige Gestalt annahm, indem sie aus dem dunstförmigen durch den flüssigen allmählich in den starren Zustand überging, und wo sie noch unfähig war, ein lebendiges Geschöpf zu tragen. Erst nachdem der ge- fahrliche Kampf der entfesselten Elemente sich zu schlichten begann, konnte die Natur ihre ersten, gleichsam noch rohen Schöpfungsversuche anstellen. Die Formationen der Erdrinde, die sich mechanisch durch die Niederschläge gebildet haben, schliessen Überreste untergegangener und nicht mehr vor- handener organischer Bildungen ein, die ganz deutlich einen Wechsel der Schöpfungen erkennen lassen. Nach der Altersfolge dieser Formationen findet man in ihrem Schosse die Ueberreste von Organismen, deren Formen von den jetzt lebenden um so weiter abstehen, einer je früheren Periode der Erdgeschichte sie angehören.

Erst in der letzten Formation, im Alluvium, erscheint der Mensch als Sohn der Erde, gebildet aus denselben Flementen(Kohlenstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Wasserstoff), welche auch in der unor- ganischen Natur vorkommen. Nirgends finden sich fossile Menschenknochen, ein Beweis, dass das Menschengeschlecht im Verhältnis zu dem Alter der Erde sehr jung ist.

Aber trotz der verhältnismässigen Jugend der Menschheit hat sie natürlich schon viele Myri- aden von Jahren durchgemacht und diese lassen reichlich Raum auch zu manchen grossen Natur- revolutionen, die das Menschengeschlecht heimgesucht haben können. Danach wird sich die relative Berechtigung der alten Philosophen zu ihrer Kreislauftheorie der Menschengeschichte beurteilen lassen.