Jahrgang 
1901
Einzelbild herunterladen

u

schen Wiederholung der Cultur. Theophrast ²) hat diese Ansichten zu verfechten gehabt gegen die Angriffe des Stifters der stoischen Schule, des Zenon. Die stoische Physik behauptet be- kanntlich auch eine periodische Wiederkehr aller Erscheinungen, aber mit einem bemerkenswerten Unterschied von der Aristotelischen Ansicht der Sache. Bei Aristoteles bleibt das Weltganze immer bestehen, Veränderungen und periodischer Wechsel vollziehen sich nur innerhalb desselben. Die Stoiker dagegen behaupten eine periodische völlige Zerstörung des Weltalls und dem entsprechende Wiedererstehung mit genauester Wiederholung aller Zustände in Natur und Geistesleben eine wahre Penelopearbeit, bei der man sich nur wundern muss, dass die Weltvernunft nicht ihres Geschäftes müde wird, in unzähligen Abschriften sich selbst zu copieren. Wir besitzen die Ausführungen des Zenon nur in einem späteren Auszug bei dem Alexandriner Philo. Danach hatte Zenon u. a. gegen die Lebre von der Ewigkeit der Welt den Einwurf erhoben, dass die Menschencultur verhältnismässig jung, die Erfindungen ziemlich neu seien, woraus sich die Jugend der Menschheit, ihr kurzes Dasein ergebe. Theophrast gab die Prämisse, die verhältnismässige Jugend unserer Cultur, zu, bestritt, aber die Fol- gerung, die Zenon daraus zog. Das Alter des Menschengeschlechts sei nicht nach dem der Künste zu bemessen. Denn durch die zeitweisen Verheerungen, denen die Erde und das Menschengeschlecht, ausgesetzt seien, wären auch die Künste notwendig immer wieder zurückgeworfen worden, um dann von neuem wieder emporzublühen; sie seien also jetzt nicht zum ersten Male entstanden und darum in gewissem Sinne uralt, in anderem Sinne wieder ziemlich jung. Theophrast hatte weiter den Gang der Cultur verfolgt in einem Werk über die Erfindungen, das uns leider verloren ist.

Ganz ähmlich, nur nicht so bestimmt und scharf wie Aristoteles, denkt sich schon Platon das Drama der Menschengeschichte und Cultur, wie denn bei ihm auch der Gedanke von der Herrschaft des Kreislaufes in der Natur sich schon in manchen Ansätzen angedeutet findet. Auch bei ihm hat die Cultur keinen absoluten Anfang, vielmehr vollzieht sich ibre Geschichte in fortwährenden Wiederholungen von gegebenen relativen Anfängen aus, infolge ähnlicher Ursachen wie bei Aristo- teles, d. h. durch grosse verheerende Naturereignisse, vor allem durch UÜberschwemmungen. Aber während der nüchterne Sinn des Aristoteles es verschmäht, diese Dinge ins Einzelne auszumalen, weiss die rege Phantasie des Platon uns ein lebendiges Bild der Vorgänge zu entwerfen, als wäre er selbst dabei gewesen. Die ausführlichste Erörterung darüber findet sich im dritten Buch der Gesetze. Nachdem hier der Hauptträger der Unterredung, der Athener(das ist Platon selbst), die Aufmerksamkeit auf die Frage nach dem Ursprung der Staaten gelenkt hat, weist er selbst als auf dasjenige, woraus er am leichtesten begreiflich zu machen sei, auf die unermessliche Dauer der Zeit hin. Denn eben diese Anfangs- und Endlosigkeit der Zeit spricht für eine oftmalige Wieder- kehr, nicht für einen absoluten Anfang der Menschengeschichte(sofern auch das Menschengeschlecht der Unermesslichkeit der Zeit entspricht). Wer die kleine Mühe nicht scheut, die auf diese Bemer- kung folgende eingehende Schilderung bei Platon selbst an der bezeichneten Stelle(Legg. III, 776 ff) nachzulesen, wird sich reichlich belohnt finden durch die Fülle lebendigster, an die geographischen und topographischen Eigentümlichkeiten seines Vaterlandes sich eng anschliessender Züge, mit denen seine Einbildungskraft die Darstellung ausgestattet hat: eine Schilderung, in der sich der philosophische Gedanke mit gewissen Überlieferungen der Volkssage von deukalionischer Flut und goldenem Zeit- alter innig zusammenschliesst zu einem Gemälde, das eine gewisse Ahnlichkeit hat mit den berühmten

¹) Wenn es nicht vielleicht Critolaos war. Vgl. Diels Doxogr. p. 106 f.