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Ueberzeugung von der Ewigkeit seiner geschlossenen, kugelförmigen Welt und der Erde in ihrer Mitte mitsamt allen ihren Organisationen unumstösslich fest. Jeder Mensch setzt Menschen als seine Erzeuger voraus. Wenn es also einmal Menschen giebt, so muss es immer welche gegeben haben: die Darwinsche Entwickelungslehre steht im geradesten Gegensatz zu der aristotelischen Anschauung. Die bekannte Streitfrage, was älter sei, das Ei oder die Henne, oder m. a. W.„geht das Ei der Henne oder die Henne dem Ei voraus“, war für Aristoteles sofort entschieden: beide sind immer dagewesen und ein Früher oder Später hat hier überhaupt keinen Sinn.
Damit begreift man, wie er zu seiner Ansicht von der periodisch sich wiederholenden Menschen- geschichte kommen konnte. Die Geschichte des Menschengeschlechtes, zeitlich ohne Anfang und ohne Ende, wie die Welt selbst, ist auch ihrem Inhalt nach ohne letztes Ziel und Abschluss, vergleichbar der Kreislinie, Aber sie ist doch auch kein ewiges, unterschiedsloses Einerlei. Sie hat einen gewissen Rhythmus in ihrer Bewegung, einen Wechsel von Arsis und Thesis, der ihr statt der absoluten wenig- stens relative Anfänge und Abschlüsse giebt. Es ist beständige Reproduction, Wiederholung des Auf- und Abwärts, das die Unendlichkeit der Zeit füllt, analog den Erscheinungen des Naturganzen und der einzelnen Arten von irdischen Organisationen. In ziemlich regelmässig sich wiederholenden Zeiträumen wird durch gewaltige Naturereignisse einerseits die Erdoberfläche über grosse Strecken hin partiellen Wandlungen unterworfen, anderseits die Menschheit nahezu ausgerottet, aber doch nicht ganz. Kleine Uberbleibsel retten sich und beginnen das Werk der Menschengeschichte und der Cultur auf’s Neue, um sie, wie es scheint, in ziemlich genauer Wiederholung des früheren Ablaufes durch ihren Zeitraum hindurchzuführen. Wir haben also auch für die Cultur, den allgemeinen Vor- aussetzungen des Systems entsprechend, keinen absoluten Ausgangspunkt, sondern nur einen ver- häaltnismässigen Anfang. Denn die UÜberlebenden nehmen gewisse Kenntnisse und Erinnerungen in die neue Zeit mit herüber und damit ist der schwierigste Teil des Problems, für Aristoteles wenig- stens, gelöst, für uns freilich nur umgangen, die Erklärung nämlich des Anfangs der Cultur.
Was aber der gegebene Anfang zu bedeuten habe, darüber spricht sich Aristoteles öfters aus. „‚Das Grösste bei jeder Sache“, sagt er in einer seiner logischen Schriften(183 22), ‚ist der Anfang, daher auch das Schwerste. Je mehr aber der Anfang der Bedeutung nach das Wichtigste ist, ob- gleich dem Umfang nach das Kleinste, um so schwerer ist er zu sehen. Ist der Anfang einmal ge- funden, dann ist es leicht, das UÜbrige dazu zu setzen und zusammenzubringen“. Und so öfters.
Über diese Schwierigkeit des Anfangs nun hebt uns die Ansicht des Aristoteles von der Cultur- entwickelung von selbst hinweg. Es ist mit der Menschengeschichte wie mit der Blume: sie wächst, blüht und welkt wieder ab; hat sie es aber zur reifenden Frucht gebracht, so bleiben in dem Samen doch einige Keime zu neuer Entwickelung liegen. Die Tradition wird nicht völlig abgeschnitten. Versprengte Träger derselben müssen zwar die Arbeit in gewisser Weise von vorn beginnen, sind aber doch nicht ohne Erinnerungen und Kenntnisse. Daher eben die verhältnismässige Gleichförmig- keit der jedesmaligen Entwickelung.„Denn nicht bloss einmal’ sagt er(de coelo 270 19 cf. Meteor. 339 b 27), ‚oder zweimal, sondern unzählige Male gelangen, wie man annehmen muss, die nämlichen Meinungen zu uns. Unsere Vorstellungen also von den Göttern und allem Sonstigen sind keine Ent- deckungen erst des jetzigen Menschengeschlechtes, sondern haben schon unzählige Male ihren Weg durch die Geister der Menschen vergangener Perioden gemacht.“ Ebenso heisst es in der Politik (1329 25. 1269 4): Es ist alles in der endlosen Zeit vielmal, ja unzählige Male erfunden worden“ und in der Metaphysik leitet er die Kunde, dass die Sterne Gottheiten seien und dass das Göttliche
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