Jahrgang 
1901
Einzelbild herunterladen

8

den Umschwung ewig dauernder Einzelwesen, sondern um einen beständigen Wandel ohne bleibendes Sein: um die unaufhörliche Umwandlung der vier Elemente in einander, diesen immer sich reprodu- cierenden Process des Werdens. Die Triebkraft, welche das beständige Spiel irdischer Bewegungen, das grosse Umformungs- und Hebewerk im Gange hält, ist die Sonne, die unerschöpfliche Wärme- und Lichtquelle für die Erde, deren Teilen sie ihre Wohlthaten je nach ihrer Stellung während ihres Umlaufes in verschiedenem Masse spendet. Eben diese an feste astronomische Gesetze gebundene Ungleichheit wird die Ursache der periodischen Wiederkehr irdischer Erscheinungen.

Die vier Elemente aber sind folgendermassen geordnet: unten in der Mitte die Erde, darüber das Wasser, darüber die Luft, darüber der Feuerkreis bis an den Mond. Diese vier Elemente sind in beständigem Übergang in einander durch die feuchte und trockene Verdunstung; die feuchte spielt in Wolken und Wetter, die trockene, feurige giebt Rauch, Blitz und Feuerkreis, Nordlicht, Cometen und Milchstrasse. Also auch hier eine Art ununterbrochenen Kreislaufes.

Mau sieht, Aristoteles hat offenbar eine Ahnung davon gehabt, dass im Ganzen der Natur der Process des Kreislaufes der überwiegende ist im Vergleich zu dem Streben nach der Ruhe im Gleichgewicht. Die Natur ist in der That ein organisirtes Ganzes, das sich durch den Kreislauf der Erscheinungen selbst erhält und zwar in einer Stufenfolge einander übergeordneter Sphären, von den irdischen Organisationen des Pflanzen- und Tierreichs hinauf durch die Erscheinungen der täglichen und jährlichen Bewegung der Erde bis zu dem Planetensystem unserer Sonne und darüber hinaus zu noch unbekannten höheren Sphären. Jeder untergeordnete Process eines Kreislaufes, wie der der Pflanzen- und Tierorganisation, kann im Einzelnen wie im Ganzen durch eine umfassendere Sphäre überwältigt und zum Erlöschen seines Lebensspieles gebracht werden. Aber das Gesetz des Kreis- laufes im Ganzen mit seinen kleineren und grösseren Sphären bleibt bestehen, immer neue Formen hervorbringend gemäss den veränderten Bedingungen innerhalb jeder Sphäre. Schon der Satz, dass die Quantität der Bewegung in der Welt immer dieselbe bleiben muss, zeigt, dass das vorherrschende Streben in der Natur nicht auf das ruhende Gleichgewicht gehen kann. Denn das würde zu schliess- licher allgemeiner Erstarrung führen.

Aristoteles dachte sich ganz richtig die periodische Wiederkehr der grossen irdischen Erschei- nungen, wie den Wechsel der Jahreszeiten und die dadurch bedingten Processe der Vegetation, an den Kreislauf der Sonne gebunden. Wenn er nun diese Vorstellung des Kreislaufes als des beherr- schenden Naturtriebes auch auf die Menschengeschichte übertrug, so ist das für uns zwar nichts als ein Traum. Denn mit dem Gesetz des Kreislaufes, wie es im Obigen angedeutet ward, ist durchaus keine Bürgschaft gegeben für die ewige Dauer des Menschengeschlechtes. Wir wissen vielmehr, dass, wie für alle übrigen irdischen Organisationen, so auch für das Menschengeschlecht die grosse Welten- uhr dermaleinst zum Aufbruch schlagen kann. Denn die Menschen sind nicht immer dagewesen. Sie haben einen Anfang gehabt: sie können also ebenso gut wieder verschwinden, fortgerissen von den Wirbeln einer höheren Sphäre, wie die Erde selbst in Trümmer gehen kann. Und selbst die Frage, ob sie vielleicht an einem andern Weltenkörper in genauer Wiederholung sich finden werden, bleibt uns ohne Antwort. Wir können wohl mutmassen, dass es Organisationen, ähnlich denen un- serer Erde, auf manchen Weltenkörpern geben wird, aber ob sie den uns bekannten völlig gleich sind, wird uns wohl immer Geheimnis bleiben.

Für Aristoteles aber lag die Sache anders. Er kannte über unser Sonnensytem hinaus keine höhere Sphäre, die etwa ändernd oder störend in die unsere eingreifen könnte. Für ihn stand die

V V