Jahrgang 
1901
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denen des Volkes und der Dichter, musste auch wesentlich anders ausfallen. Nicht als ob die grössten philosophischen Geister der Griechen im Sinne Voltaires das Ecrasez l'infäme auf ihre Fahne geschrieben und ihren Landsleuten ihren Götterhimmel hätten rauben wollen. Aber die Men- schen lediglich unter der Führung und Vormundschaft der Götter die Bahn der Cultur betreten und durchwandern zu lassen, vertrug sich nicht mit ihrem philosophischen Gewissen. Der eigenen Kraft vertrauend musste der Mensch die Höhe der Cultur ersteigen. Sein eigener Geist, sein erfinderischer Verstand musste ihm der Wegweiser sein auf der schwierigen Wanderung. Unter dieser Voraus- setzung, der einzigen, die dem Philosophen ziemt, eröffnen sich für die nähere Ausführung zwei Möglichkeiten. Entweder giebt es einen absoluten Anfang des Menschengeschlechts und damit auch der menschlichen Cultur, oder es herrscht das Gesetz eines ewigen Kreislaufs mit einem sich immer wiederholenden relativen Anfang der Cultur. Beide Auffassungen haben in der griechischen Philosophie ihre Vertreter. Die beiden grössten Philosophen des Altertums, Platon und Aristoteles, huldigen der letzteren.

Wir stellen die Ansicht des Aristoteles voran, weil sie von ihm, zwar nur kurz, aber doch in wissenschaftlicher Schärfe vorgetragen wird, ohne die Zuthat mythischer Züge, von denen sich Platon, seiner Darstellungsweise gemäss, nicht frei hält. Um sie indess zu verstehen, müssen wir etwas weiter ausholen und einen Blick werfen auf seine Auffassung von der Organisation und Erhaltung des Naturganzen überhaupt.

Des Aristoteles Weltbau zeigt uns ein geschlossenes und begrenztes Ganze; nicht Unendlichkeit der Körperwelt und des Raumes, wie die Atomiker sie annehmen und wie wir sie behaupten, sondern Begrenztheit ist das Charakteristische desselben. Damit bleibt er entschieden auch mehr auf dem Boden des Griechentums stehen als Demokrit und dessen Nachfolger. Denn Anschaulichkeit und Formenschönheit ist der Grundzug griechischer Anschauungsweise. Demgemäss hat denn Aristoteles, wie die bedeutendsten griechischen Denker überhaupt, die Welt entsprechend dem sinnenfaälligen Ein- druck des Himmelsgewölbes, als eine Kugel aufgefasst, in deren Mitte die Erde ruht. Der Fixstern- himmel bildet die Begrenzung dieses kugelförmigen Weltalls und über ihm thront das Göttliche am reinsten: der höchste vernünftige Geist hat seinen Sitz an der äussersten Grenze des Weltalls und be- wirkt als erster Beweger auf eigentümliche Weise den anfangs- und endlosen Umschwung der Fix- sternsphäre. Der erste Beweger ist auch in räumlicher Beziehung der erste Geist, die Gottheit, zuhöchst über alle. Von da bis an den Mond ist das Gebiet des Athers, des fünften Elements, des Elementes der Gestirne, der ewigen Kreisbewegung, der Beseelung und Belebung. Denn die Gestirne dieses Atherreiches sind lebendige göttliche Wesen, sie sind die der Zahl nach bestimmten Untergötter, gewissermassen Lehnsträger der eigentlichen Gottheit, geordnet nach Rangstufen von den Fixsternen, die zusammen die eine Fixsternsphäre bilden, herab bis zum Monde, dem untersten der Planeten, deren jeder seine eigene Sphäre hat. Unter dem Monde aber ist die Welt des Ver- anderlichen und Unvollkommenen, die Welt der vier Elemente, im Gegensatz der himmlischen Weis- heit. Die sittliche Weltordnung spiegelt sich gewissermassen in dem Bau des Weltalls ab, wie uns dies auch in Dantes Divina Comedia entgegentritt, in der wir den Weltbau des Aristoteles, belebt mit einer Fülle malerischer Gestalten, genau wiederfinden.

Zeigen die himmlischen Regionen eine vollkommene Kreisbewegung ewig andauernder, göttlicher Lichtkörper(der Sterne), so haben wir hier unter dem Monde zwar auch Kreisbewegung, aber keine vollkommene, sondern nur ein trübes Abbild jener höheren. Denn hier unten handelt es sich nicht um