Jahrgang 
1901
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6 sich mit dieser Frage abgefunden haben. Denn dass das geistreichste Volk der Erde dieser sich gewissermassen von selbst aufdrängenden Frage nicht aus dem Wege gegangen ist, versteht sich von selbst.

Wenn Sie mir für einen kurzen Ueberblick über diese Ansichten der Griechen Ihre Aufmerk- samkeit schenken wollen, werden Sie bald bemerken, dass sich deutliche Anklänge an beide der obigen Ansichten finden.

Die volkstümlichen Anschauungen der Griechen über unsere Frage spiegeln sich getreu bei ihren Dichtern wieder. Sie tragen durchaus den Charakter des Sagenhaften. Wir haben da einer- seits die von Hesiod dichterisch behandelte Sage von den vier Weltaltern, nach welcher das Men- schengeschlecht aus paradiesischer Seligkeit, aus dem vertrauten Umgang mit den Göttern stufenweis abwärts sinkt in Unvollkommenheit und Ruchlosigkeit. Wir finden anderseits aber auch die Vor- stellung von der ursprünglichen Robheit der Menschen, welche zuerst wie die Tiere in Höhlen und Wäaldern gelebt hätten, dann allmählich durch Götter und Heroen von den Gefahren ihres Daseins befreit und durch Mitteilung nützlicher Künste und andre Segnungen zu menschlicher Sitte empor- gehoben seien. In beiden Fällen spielen die Götter bedeutsam herein. Nach der ersten Annahme steht das älteste Menschengeschlecht in unmittelbarer Gemeinschaft mit den Göttern, der Abfall von ihnen ist es, der alle Verirrung und alles Elend bringt, indem der gottverlassene Mensch lernen muss, sich selbst zu helfen. Umgekehrt geht die zweite Ansicht von der Voraussetzung aus, dass das Menschengeschlecht, ursprünglich auf sich selbst gestellt, durch seine Hilf- und Ratlosigkeit ge- wissermassen das Mitleid der Götter und Heroen und Titanen erweckt und sie so zu Bundesgenossen erhalten habe.

Was die Titanen anlangt, so gehört hierher die tiefsinnige Prometheussage mit ihren wilden und grausigen Zügen. Diese letzteren, gegründet in der Vorstellung von der Feindschaft der rast- losen, trotzigen Titanen mit den Göttern, erscheint dabei in mannigfachen Ausgestaltungen, ent- sprechend den wechselnden Motiven. Der eine und gleiche Kern der Sage ist aber doch der, dass das Feuer die eigentlich culturfördernde Macht, die eigentliche Triebkraft alles technischen Fort- schritts ist.

Mildere Züge als die leidenschaftlich erregte prometheussage zeigt diejenige Ansicht vom An- fang der Cultur, nach welcher die Götter selbst die Führung des rohen, jungen Menschengeschlechtes übernahmen. Sich allein, ohne Vormund, in den Besitz all der Gaben der Cultur zu setzen, von denen sich der Grieche des perikleischen Zeitalters umgeben sah, diese Fähigkeit mochte das gemeine Be- wusstsein dem Menschen nicht zutrauen. Nur der Beistand und die Fürsorge überirdischer Wesen konnte den Menschen aus dem reinen Naturzustande zu diesem erhöhten Dasein emporgeführt haben. Die Dichter preisen die Verdienste der Himmlischen um die hilfsbedürftigen Menschen. Aber kein Grieche hat es vermocht, dies Eingreifen der Götter zu Gunsten der unmündigen Urmenschen in so schöner poetischer Verklärung zu schildern, wie unser an der Betrachtung des Griechentums gereifter Schiller in seinem Fleusischen Fest. Der Anfang menschlicher Cultur unter der Beihilfe der Götter ist da auf's Glücklichste in einem Bild zu lebendiger Anschauung gebracht.

Stimmt diese Ansicht von der überirdischen Abkunft der Cultur durchaus mit der vorwiegend ästhetischen Weltanschauung der Griechen zusammen, so war sie doch wenig geeignet, auch dem for- schenden Blick des Weltweisen Genüge zu thun. Auch er musste diesem Problem seine Aufmerk- samkeit zuwenden, aber seine Beantwortung der Frage, auf anderen Voraussetzungen ruhend, als