Jahrgang 
1901
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Die Ansichten der griechischen Philosophen über den Anfang der Cultur. Ein Vontnas.

Lne auf's Neue fühlt sich unser Geist getrieben, dem Ursprung des Wunderwerkes der menschlichen Cultur nachzuspüren. Ethnographen, Paläontologen, Altertumsforscher, Sprachforscher sehen wir seit langer Zeit mit diesem Rätsel beschäftigt. Alle Forscher der genannten Art gehen dabei einfach und unbefangen von der Voraussetzung aus, dass der Mensch in langem und schwerem Kampf sich allmählich losgearbeitet habe von der Scholle, auf die ihn die Natur hinwarf, wie um seine junge Kraft zu üben, und dass er mit wechselndem Geschick die mannigfachen Stufen wach- sender Reife durchwandert habe.

Diese Voraussetzung wird einem nicht voreingenommenen Urteil in der That als die einzig richtige und zulässige erscheinen. Allein neben den genannten Arten von Forschern hat auch der Philosoph ein Anrecht darauf, bei der Frage mit gehört zu werden. Und da zeigt uns die Geschichte der neueren Philosophie die merkwürdige Thatsache, dass nambafte Philosophen, wie Fichte und Friedrich Schlegel, nicht etwa einen Zustand der Rohheit und völligen Naturgebundenheit zum Ausgang nehmen, sondern dass sie im Gegenteil die Menschen aus einem ursprünglichen glücklichen und von göttlicher Weisheit durchleuchteten Zustand allmählich ins Verderben geraten lassen. Sie gehen gemäss der Dichtung vom goldenen Zeitalter von der Voraussetzung aus, dass es mit den Menschen seit einem alten, recht guten Anfang immer schlimmer geworden sei. Gott habe, meinte Schlegel, früheren Geschlechtern alle Weisheit offenbart, später aber seine Hilfe entzogen. Die Geschichte menschlicher Geistesentwickelung wird damit zur Erzählung von einem Schatze, der einmal verloren ging, dann teilweis oder stückweis wiedergefunden ward u. s. w. Die romantische Philosophie, die so oft die Grenze zwischen Philosophie und Mythologie verwischte, konnte sich allerdings in solche Anschauungen verirren. Die Sage leuchtete ihr ja auf diesem Wege voran. Schon die ägyptischen Priester am Tempel zu Sais teilten nach der Erzählung des Platon dem Solon eine solche Sage mit. Nach dieser erscheint der Mensch als kein sich selbst helfendes Geschöpf, sondern als der schlechte Haushalter eines glücklichen Erbteils. Die Priester wussten von einem grossen Festiand jenseit des Weltmeers. Sie erzählten, dass die gerechtesten Menschen es bewohnten, und dass der beste Staat sich dort fnde. Früher habe es durch einen grossen Continent mit uns zusammengehangen, aber in einer stürmischen Nacht sei dieser zertrümmert ins Meer gesunken.

Zur Ehre unserer Philosophie sind solche Träume über dle romantischen Kreise hinaus wissen- schaftlich kaum zur Geltung gekommen. Aber sie gewinnen für uns doch wenigstens eine gewisse geschichtliche Bedeutung, wenn wir sie vergleichen mit Ansichten, die im griechischen Altertum hervorgetreten sind. Gegenüber den neueren Anschauungen von dem Ursprung der Cultur ist es nämlich nicht ohne Interesse, zu sehen wie die Griechen, insbesondere wie die griechischen Philosophen