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Wir haben vor Kurzem in Cicero's philoſophiſchen Unterredungen, die er auf ſeinem Landgute bei Tuseulum hielt, die Stelle mit einander geleſen, wo er von der Entſtehung des Namens„Philoſoph“ und„Philoſophie“ ſpricht. Seitdem mein Amt es mir nahe gelegt hat, über die Aufgabe der Gymnaſien ernſter als ſonſt nachzudenfen und mir meinen eigenen Beruf klar vor die Seele zu führen, konnte ich, ſo ſtolz und vermeſſen es auch ſcheinen mag, doch nicht umhin an die Gymnaſien verglei⸗ chungsweiſe zu denken, ſo oft ich an dieſe Erzählung dachte. Sie lautet ſo: Einſt kam Pythagoras nach Phlius und hatte bei dieſer Gelegenheit mit Leon, dem Beherrſcher dieſer Stadt, eine Unterhaltung, daß dieſer verwundert über des Mannes Geiſt und Beredtſamkeit ihn fragte, welcher Wiſſenſchaft er den größten Werth beilegte. Dieſer antwortete, von einer Wiſſenſchaft verſtehe er nichts, er ſei Philoſoph. Und als Leon weiter fragte, was denn das für Leute wären und wie ſie ſich von Anderen unter⸗ ſchieden, verglich Pythagoras das menſchliche Leben mit einem großen Volksfeſte der Griechen, an welchem Kampfſpiele aufge⸗ führt würden; dahin gingen die Einen, um durch körperliche Gewandtheit und Stärke Ehre und Ruhm zu erlangen, Andere, um durch Kauf und Verkauf dem Bedürfniſſe und der Gewinnſucht zu genügen, Anderen endlich, freilich der geringeren Zahl, ſei es weder um Ruhm noch um Gewinn zu thun, ſondern um den bloßen reinen Genuß der Betrachtung und des Beſchauens deſſen, was da vorginge. So, meinte Pythagoras, ſei es auch im menſchlichen Leben: während die Einen der Ehre, Andere dem Erwerbe nachſtrebten, gebe es eine geringere Anzahl ſolcher Menſchen, die alles Andere geringer achteten und dagegen die Natur der Dinge zu erforſchen ſtrebten; dieſe nenne er Philoſophen, d. h. Freunde der Weisheit.
Solche Freunde der Weisheit nun ſind die edleren Naturen, die in reiner Liebe zur Wiſſenſchaft nicht auf den äußeren Erfolg und Lohn ihres Strebens ſehen, ſondern die Erkenntniß, ihres Geiſtes Eindringen in die Tiefen der Forſchung für eine Beſchäftigung halten, die des Menſchen ſo ganz und gar würdig und ſeinem edleren Theile angemeſſen ſei. Dieſe geiſtige Sehn⸗ ſucht, dieſe Liebe zur Weisheit, dieſe Wiſſenſchaftlichkeit ſoll auch das Gymnaſium anregen und eine lange Erfahrung hat es bewieſen, daß es dies vermag und leiſtet. Zu dieſer Weisheitsliebe leitet die Beſchäftigung mit dem klaſſiſchen Alterthume, wie ſie unſeren Gymnaſien eigenthümlich iſt. Sie führt den jugendlichen Geiſt ein in eine abgeſchiedene, ſtille Welt, in die das Treiben und die Intereſſen der Gegenwart nicht hinein reichen, in eine Welt voll Denkmäler großer Verſtorbener, die nicht, wie die Alten von Grabinſchriften glaubten, wenn man ſie ließt, das Gedächtniß zerſtören, ſondern es erfüllen mit edlen und erha⸗ benen Gedanken. In dieſe todte Welt voll geiſtigen Lebens haben wir auch Sie, liebe Jünglinge, einzuführen geſucht, damit Ihr junges empfängliches Gemüth frühzeitig an Vorbildern einfacher Tugenden ſich zu erfreuen und zu erheben lernen möchte, damit Ihre noch friſche Phantaſie an der ſchönen und reinen Menſchlichkeit, die das Alterthum zu ſo hoher Entwickelung brachte, ſich bilden könnte, damit Ihre Geiſteskräfte ſich entfalten könnten in der Betrachtung ſolcher Schriftwerke, die mit logi— ſcher Klarheit und Schärfe äſthetiſche Form und gediegenen Inhalt verbinden. Dieſe antike Welt und mit und über ihr des Chriſtenthums göttlicher Seegen, ſind zwei Güter, die wie neulich ein vorurtheilsfreier Theolog“*) an einer berühmten Univerſität Deutſchlands in der Gedächtnißpredigt zweier ausgezeichneter Vertreter der Alterthumswiſſenſchaft, die der Tod uns viel zu früh geraubt hat, ſagt, freilich nicht gleichen Werth haben, wie eben das Geiſtliche und Natürliche verſchiedenen Werthes ſind, aber doch zuſammen gehören, um unſer ganzes menſchliches Daſein herzuſtellen. Und er fäͤhrt fort:„Niemand entreiße uns das Evangelium von der Gnade und Wahrheit in Chriſto Jeſu, Niemand die Kunde von den Alten, woraus Wiſſenſchaft und Kunſt, Recht und Geſetz für unſer natürliches Leben gefloſſen iſt. Von den Juden kommt das Heil, von Hellas und Rom die Bil dung, die dieſen Namen verdient. Auf Beidem ruht unſer Leben, nicht als von Fremden geliehen, ſondern frei nach ſeinem eigenen Reichthum und Maaß ſich entfaltend, aber befruchtet von Beidem als von Saamenkörnern, die Gott ſelbſt in das Erd— reich unſeres Volkes gelegt hat, daß ſie aufgehen und Früchte bringen der Gerechtigkeit.“
Ob Sie nun, liebe Jünglinge, dieſen Geiſt der Wiſſenſchaftlichkeit in ſich aufgenommen haben, ob er in Ihnen geweckt und auf die Dauer belebt worden ſei, davon wird Ihre Zukunft den Beweis liefern. Sie werden zeigen, ob Sie echte Jünger de Wiſſenſchaft ſeien oder nicht, ob Ihnen dieſe ein bloßes Mittel ſei oder ein edles, erhabenes Ziel. Und bedenken Sie ja, daß die Univerſität eine Stätte der Wiſſenſchaft iſt, nicht der Tummelplatz rohen, zügelloſen Gebahrens. Die Viſſenſchaft fordert ſchon von ihren jugendlichen Bekennern edle Sitte; der ſtudirende Jüngling entehrt ſich und die Wiſſenſchaft, wenn er dies ver gißt. Wie ſollte ſich auch der Gebildete von dem Ungebildeten unterſcheiden, wenn er ſich nicht ſelbſt die Verpflichtung auferlegte, frei von aͤußerm Zwange immer deſſen eingedenk zu ſein, daß wiſſenſchaftliche Bildung nicht ein bloßer Schatz von Kenntniſſen, die dem Gedächtniſſe eingeprägt ſind, ſein ſolle und könne, ſondern daß ſie eine geiſtige Saat ſei, die Frucht trage durch Erhe⸗ bung über das Gemeine und Niedrige und durch Belebung und Kräftigung der Geſinnung zur ſittlichen That.
Und mit dem Wunſche und der Hoffnung, daß es mit Ihnen ſo ſein werde, wie Sie es ſelbſt und die Ihrigen wünſchen, entlaſſe ich Sie nach meinem Amte und im Namen des Lehrer⸗Kollegium aus der Anſtalt, die Sie bis dahin gepflegt hat. Unten manchen Sorgen und Mühen, aber doch auch mit mancher ſtillen Freude haben wir Sie dahin geleitet, wo Sie jetzt ſtehen, durch Ihr Schulleben hindurch bis an die Schwelle der Univerſität. Vergeſſen Sie das nicht, ſondern gedenken Sie unſer in Treue und Anhänglichkeit. Und ſo ſei Gott mit Ihnen!
* Predigt zum Gedächtniß an K. F. Hermann und F. W. Schneidewin ꝛc. von Dr. Friedrich Ehrenfeuchter, Univerſitätsprediger. Göttingen 1856
Reſcripte des Großherzoglichen hohen Staatsminiſterium, Departement der Juſtiz und des Kultus.
Vom 21. März 1855: an die Königlich Preußiſchen Lehranſtalten ſind von nun an jaͤhrlich 149 Eremplare des Eiſenachiſchen Gymnaſialprogrammes abzuſenden. Siehe Programm v. J. 1854. S. 17.
Vom 21. Mai: nur dann, wenn Söhne von Lehrern die Lehranſtalt beſuchen, an welchen ihre Väter als ordentliche Lehrer angeſtellt ſind, tritt Befreiung vom Schulgelde ein.
Vom 27. Auguſt: die Direction erhält sub lege remiss. beiliegend ein Actenheft, die Verlegung des Ab⸗ gangstermins für die Gymnaſiaſten betreffend, um ſich gutachtlich darüber zu äußern, ob am Schluſſe eines jeden Semeſters Maturitätsprüfungen und Entlaſſungen zur ÜUniverſität auf den Landesgymnaſien eingeführt werden können oder ob dem erhebliche Bedenken entgegen ſtehen, und ob letzteren Falls auf dem Eiſenacher Gymnaſium die jährliche Entlaſſung zu Michaelis anſtatt zu Oſtern werde Statt finden können


