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Am 8. Dezember erfreute Se. Königliche Hoheit, der Großherzog, das Gymnaſium mit Seiner Gegenwart, indem Höchſtderſelbe die neu hergeſtellten Lokale im Vordergebäude, ſodann den Bibliothekſaal, das Zeichnen⸗ Inſtitut und die Räume der Gewerkenſchule in Augenſchein zu nehmen geruhte.
Am 18. December Abends um 6 Uhr veranſtaltete der Geſanglehrer, Herr Helmbold, eine muſikaliſche Feier im Saale des Zeichnen-Inſtitutes, wohl die erſte der Art, die im Gymnaſium vorgekommen iſt Der Singchor der Gymnaſiaſten hatte den Bergmannsgruß von Döring und Anacker eingeübt und trug ihn unter Leitung des genannten Lehrers vor, wobei der Oberprimaner Burckhard den erläuternden Tert ſprach. Die Lehrer mit ihren Frauen und viele Aeltern der Schüler, ſo viele deren der Raum faßte, waren zugegen. Das Großherzogl. Staatsminiſterium hatte durch Reſcript vom 17 November die Genehmigung ertheilt, den damit verbundenen Aufwand aus der Gymnaſialkaſſe zu beſtreiten.— Die Feier fand vielen Beifall und das Gym⸗ naſium iſt dem Herrn Helmbold für dieſelbe zu Dank verpflichtet
Den Schluß des ganzen Schuljahres endlich bildete die öffentliche Hauptprüfung, die Cenſurvertheilung und Translokation und zuletzt der Valedictions⸗Actus. Die erſte begann am 11. März Vormittags mit den Knaben der Vorbereitungsklaſſe über bibliſche Geſchichte, Naturkunde und lateiniſche Sprache. Zuletzt ſagten mehrere Knaben kleine deutſche Gedichte her. Am Mittwoch darauf wurden zunächſt die combinirte Prima und Secunda in Religionskenntniſſen geprüft, dann in Prima allein Thucydides und Mathematik, hierauf in Secunda Sallust. lugurtha und Geographie, am Donnerstage in Tertia Religion, Xenoph. Anabasis, Ovid. Metamorphos. und Geographie, in Quarta Mathematik, Cornel. Nepos und Geſchichte, endlich in Quinta Lateiniſch, vaterländiſche Geſchichte und Rechnen vorgenommen. Am Sonnabende folgte um 8 Uhr des Morgens Cenſurvertheilung und Translocation, endlich um 10 Uhr der Valedictions⸗Actus zur Entlaſſung von fünf Oberprimanern auf die Uni⸗ verſität, wobei der Chor einige Geſänge ausführte. Vier der Abgehenden trugen in dieſem Actus eigene Arbei⸗ ten vor und zwar Hugo Burckhard eine freie lateiniſche Bearbeitung eines Chores aus Sophokles Antigone (V. 332 fqd. der Hermann'ſchen Ausgabe) in alcäiſchem Versmaaße, Arno Siefert einen lateiniſchen Vortrag über die Antigone des Sophokles, Guſtav O'Kelly einen franzöſiſchen, in welchem er die Lucrèce von Ponsard beſonders in ihrem Verhältniſſe zur klaſſiſchen Tragödie der Franzoſen zu beurtheilen verſuchte, Rudolph Wuth ein deutſches Abſchiedsgedicht, worauf der Primaner Guido Thon im Namen des Cötus eine kurze Erwiederung in deutſcher gebundener Rede ſprach. Am Schluſſe entließ der Direktor die Abgehenden unter Einhändigung ihrer Maturitätszeugniſſe und Entlaſſungsſcheine, nachdem er eine kurze Anſprache an ſie gehalten hatte. Aus Gründen, die im Intereſſe der Schule liegen dürften, wird dieſe Anſprache hier mitgfetheilt.
Liebe Jünglinge! Ihr Schulleben iſt geendet, die Schule gibt Ihnen das Zeugniß der Reife für eine höhere wiſſenſchaft⸗ liche Ausbildung; der allgemeine Grund dazu iſt gelegt und es trennen ſich nun bei dem Abgange von dem Gymnaſium die Wege, es beginnt das beſondere Studium nach einer vorherrſchenden Richtung hin. Aber bei dem Scheiden hält das Gymna⸗ ſium, dieſe Ring- und Uebungsſtätte des jugendlichen Geiſtes, noch einmal Ihre Schritte auf und ſagt zu Ihnen: Ihr Jüng⸗ linge, vergeßt nicht, was ich zu Eurer Mitgabe beſtimmt habe für Euer Leben und beweiſt es durch Euer Leben, daß Ihr es nicht vergeßt.— Fragen Sie noch, was das ſei? Ja freilich die Hauptaufgabe, die das Gymnaſium ſich ſtellt, hat wenig zu ſchaffen mit der Richtung, die in der neueren Zeit wie mit Zauberkraft die Menſchen an ſich zieht und feſſelt. Für Induſtrie und Gewerbe, für techniſche Fertigkeiten, für Verwerthung des Kapitals, für die Herrichtung großer Etabliſſements und weit hinaus ragende Unternehmungen, denen Summen von Millionen eine ganz gewöhnliche Sache, man möchte ſagen eine Kleinig— keit ſind, bietet das Gymnaſium wenig oder nichts. Gegenüber dem, was die ſich immer mehr überbietende Erſcheinung des Tages erheiſcht, die Mittel zu beſchaffen, die dem materiellen Nutzen förderlich ſind, wie dürftig, wie mittellos, wie ohne allen Erfolg erſcheint da die Wirkſamkeit des Gymnaſium! Gegenüber dem lauten Rufe der Gegenwart, daß Jeder ſobald als mög— lich den Platz zu gewinnen ſuche, auf dem er nicht für Andere, ſondern zunächſt für ſich thätig ſei und nicht blos wirke, ſon⸗ dern vor Allem erwerbe, wie ſtill und einſam, oder ſoll ich gar ſagen, wie hoffnungslos, ſieht es in den RMäumen des Gym⸗ naſium aus! Da erſcheint der Weg zu dem lohnenden Ziele ſehr lang und nicht blos dies, ſondern oft ſehr mühſam und am Ende das Ziel nicht einmal immer lohnend. Ja ſo ſieht es aus, liebe Jünglinge, mit dem, was Sie ergriffen haben für Ihren künftigen Lebensweg. Was Sie bisher gethan, hat Ihnen manche Mühe und Anſtrengung gebracht und Ihre Zukunft wird nicht anders ſein. Ja, wenn Sie es mit ſich und mit Ihrer Zukunft redlich meinen, geht die Zeit der Mühen, der geiſti⸗ gen Kämpfe und Anſtrengungen erſt recht an. Denn von nun an ſind Sie ſich mehr als bisher ſelbſt überlaſſen, auf Ihre eigene Einſicht und Kraft angewieſen. Und da wird es manchen Irrthum und Fehlgriff und, wie ich ſagte, manchen Kampf geben. Alſo Mühen und Anſtrengungen bei dem Beginne und ſo fort bis an das Ziel, welches Sie ſich jetzt in Ihrem jugend⸗ lichen Herzen ſo weit als möglich in die Ferne rücken, das aber, ehe Sie es glauben, raſch genng heran naht. Und wenn Sie nun dahin gelangt ſind und eintreten wollen in einen Beruf, um mit den erworbenen Kenntniſſen, mit dem entwickelten Talente, mit der errungenen Kraft Ihres Charakters zu wirken und zu ſchaffen, werden Sie dann die rechte Entſchadigung fin⸗ den? Die Wahrſcheinlichkeit iſt eher dagegen als dafür. Sie täuſchen ſich, wenn blos dieſe Hoffnung Sie auf eine wiſſen⸗ ſchaftliche Laufbahn hingeführt hat. Haben Sie aber ein höheres Ziel im Auge, gilt es Ihnen als eine heilige Pflicht, Ihren eigenen Geiſt nach beſten Kräften auszubilden, durch die Wiſſenſchaft Ihren Willen zu läutern und zu kräftigen, Geiſt und Ge⸗ müth für das Beſte und Höchſte, was der Menſch beſitzt, empfänglich zu machen, das ſittlich und geiſtig Schöne über Roheit und Ungeſchmack zu erheben, Recht und Tugend zur Geltung zu bringen, der göttlichen Natur des Menſchen in ſich und Andern den Sieg zu verſchaffen über das, was der Erde und dem Staube verfällt, dann wohl Ihnen! dann täuſchen Sie ſich nicht, dann werden Sie mit Gottes Hülfe das Ziel erreichen.


