Sommerferien— all das vollzog sich mit gewohnter Regelmäßigkeit. Dann aber ballten sich ganz unerwartet die drohenden Wolken am politischen Himmel zusammen, und als sich nach Tagen ruheloser Untätigkeit das Kriegsgewitter am 1. August entlud, da gab es auch für die Schule Arbeit in Hülle und Fülle. Durch eine Anzeige in den Zeitungen versammelte der Direktor die ortsanwesenden Lehrer und Schüler am 6. August, stellte bei jenen die Militärverhältnisse fest und ermahnte diese, durch strengste Unterordnung unter alle Anweisungen und durch Helferdienste bei der Erntearbeit, bei der Tätigkeit der Kriegsfürsorge usw. sich nützlich zu erweisen. Dann ging es an die Abhaltung der in— zwischen angeordneten Kriegsreifeprüfung für diejenigen Oberprimaner, die unter die Fahnen eilen wollten. Durch briefliche Anfrage an die meist von Wiesbaden abwesenden Schüler wurde festgestellt, daß sie fast alle an der Prüfung teilnehmen wollten. Diese fand dann in den Tagen vom 10. bis 13. August, also noch in den Ferien, statt.
Als dann Dienstag, den 18. August, die Schule wieder ihre Pforten öffnete, da waren die Reihen sowohl der Lehrer wie der Schüler stark gelichtet. Von den ersteren waren 6 Oberlehrer, 2 vollbeschäftigte wissenschaftliche Hilfslehrer und von den 7 Mit- gliedern des Pädagogischen Seminars 5, also im ganzen 13 Herren, zu den Fahnen ein- gezogen worden; von den Schülern fehlten außer denjenigen, die sich voller Begeisterung als Kriegsfreiwillige gemeldet hatten, noch eine ganze Anzahl, die wegen der gestörten Reiseverbindungen nicht rechtzeitig hatten nach Hause gelangen können. So konnte vorerst nur eine Beschäftigung der einzelnen Klassen durch die noch zur Verfügung stehenden Lehrkräfte während der Vormittagsstunden eingerichtet werden. Die Schwierig- keiten der auf Grund der völlig veränderten Verhältnisse notwendig gewordenen Neuein- richtung des Unterrichtsplans lagen natürlich vor allem in der plötzlichen Entziehung einer ganzen Anzahl von Lehrkräften, die nur zum geringen Teil durch das Eingehen von Klassen ausgeglichen wurde. Immerhin konnte die Zahl der Oberklassen, die bisher 5 betragen hatte, auf 3 beschränkt werden, denn von den 29 Oberprimanern waren 26 in das Heer eingetreten, die 3 zurückgebliebenen wurden mit der Unterprima unterrichtet; und ebenso wurden die beiden Obersekunden zusammengelegt, da aus ihnen 11 Schüler zum Heeresdienst abgingen. Andererseits war von den Lehrkräften zufälligerweise kein Vertreter der mathematisch-naturwissenschaftlichen Lehrfächer einberufen, dagegen mehrere Vertreter des sprachlichen Unterrichts; ferner waren zwei evangelische Religionslehrer wegen Krankheit beurlaubt, und so lag die Hauptschwierigkeit bei der neuen Unterrichts- verteilung in der Herbeiführung eines Ausgleichs zwischen dem durch die verminderte Klassenzahl tatsächlich geschaffenen Uberfluß an Lehrkräften der einen und dem starken Mangel an Lehrkräften der anderen Art. Daher konnte sogar ein Naturwissenschaftler, Herr Oberlehrer Bleisch, dem Lyzeum II zur Aushilfe überlassen werden. Durch die Gewinnung geeigneter Hilfskräfte gelang es dann rasch, jenen Ausgleich im wesent- lichen herzustellen, und so konnte schon mit Beginn der zweiten Schulwoche, am 24. August, der neue Stundenplan in Kraft treten, der mit gewissen unerläßlichen Ein- schränkungen eine planmäßige Erledigung der vorgeschriebenen Lehraufgaben in allen Klassen verbürgte. Freilich mußte im Laufe der folgenden Monate sowohl der Ver- teilungs- wie der Stundenplan noch mehr als einmal geändert werden, wenn wieder ein Lehrer zum Heeresdienst einberufen wurde oder dauernde Krankheit es nötig machte. Zu diesen inneren Schwierigkeiten kam Ende November noch eine äußere hinzu durch die Notwendigkeit, das Gebäude der Oberrealschule auch der Schwester-


