Jahrgang 
1871
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noch früher die Schule, je nach dem die Confirmation und das zurückgelegte vierzehnte Lebens⸗ jahr dieſes thunlich erſcheinen ließen. Die Schule kann aber in dieſem Fall nicht für die Er⸗ folge ſtehen, welche vom Beſuch derſelben doch erwartet werden; es iſt nicht möglich einem mit 14 Jahren die Schule verlaſſenden Kinde das mitzugeben, was vom Beſuch derſelben ihm für das Leben als dauernder Gewinn bleiben ſoll, es hat nur Anfänge und halb Fertiges in vielen Gegenſtänden. Nehmen wir nur einzelne Unterrichtsfächer: In der Geſchichte kommt die zweite Klaſſe bis Friedrich den Großen, in der Literaturgeſchichte bis Göthe, in der Phyſik iſt der An⸗ fang gemacht, Franzöſiſch und Engliſch können erſt in der oberſten Klaſſe ſo getrieben werden, daß wirklich ein praktiſcher Nutzen daraus erwächſt. Aber auch in höherem Sinne iſt dieſes frühe Ende der geiſtigen Arbeit ein großer Nachtheil; wer etwas nur halb weiß, iſt erfahrungs⸗ mäßig geneigt, ſich zu überſchätzen, ſeinen Standpunkt für abgeſchloſſen zu halten, zu wähnen, er habe mit ſeinen Bruchſtücken ein Ganzes, während eine möglichſt ſolide und gründliche Bildung beſcheiden macht und die Luſt zum Fortarbeiten erhält; gerade die unvollendete, halbfertige, ober⸗ flächliche Bildung iſt die Urſache der häufigen Klagen über den verkehrten Geſchmack, die Unluſt an ernſten und tüchtigen Gegenſtänden, die Freude an ſeichter oder gar verderblicher Lektüre, am Nichtigen, Eitlen und Werthloſen, wie man das Alles ſo häufig bei jungen Mädchen zu finden behauptet. Eine über das Maß des Elementaren hinausgehende Bildung erfordert durch⸗ aus ein reiferes Alter und ein reiferes Verſtändniß, als man es bei einem Kinde von 14 Jahren findet. Und ſind nicht die Mädchen grade ſo gut die Kinder ihrer Eltern, wie die Söhne? Iſt nicht eine gründliche Bildung auch für Töchter ein ebenſo werthvolles Erbtheil, wie für die Söhne? Bei ihnen findet man es ganz ſelbſtverſtändlich, daß ſchon in jeder Real⸗ und höheren Bürgerſchule die Klaſſen vollſtändig abſolvirt werden, während jede über dieſes geringſte Maß der dem Bürgerſtande heutiges Tags nothwendigen Bildung hinausgehende Anſtalt ihre Zög⸗ linge noch viel länger in Anſpruch nimmt. Auch der ſo oft angeführte Grund, daß die Haus⸗ haltung der Töchter nicht länger entbehren könne, mag wohl in einzelnen Fällen richtig ſein, in vielen dagegen iſt er gewiß nicht ernſt gemeint; die Hülfe eines vierzehnjährigen Mädchens iſt in den meiſten Familien, welche uns ihre Kinder ſchicken, zu entbehren, und was in der Haushaltung zu lernen iſt, wird mit reiferem und geſetzterem Geiſte viel raſcher und gründlicher gelernt werden. Unſere Schulbildung entfremdet auch gewiß nicht der Arbeit, ſondern ſucht in Allen die Achtung vor jeder tüch⸗ tigen und nützlichen Thätigkeit zu heben. Wird der Schulbeſuch auf die oberſte Klaſſe ausgedehnt, ſo iſt die Wirkung auf die ganze Haltung eine unverkennbare, auch für die früheren Jahrgänge; für einen kundigen Lehrer iſt mit faſt untrüglicher Sicherheit dem Kinde während des letzten Semeſters in ſeinem ganzen Thun und Laſſen der Gedanke abzumerken:Ich trete aus. Möge doch das gut gemeinte Wort eine gute Statt finden: Laſſet die Schülerinnen gleich ſich mit dem Gedanken vertraut machen, daß ſie die Schule pollſtändig bis zu ihrem Abſchluß zu beſuchen haben!

Iſt aber der vollſtändige Beſuch aller Klaſſen nach dem Vorhergehenden in jedem Betracht anzurathen, ſo iſt es nicht minder der aller Lehrſtunden. Dispenſationen von einzelnen Stunden und einzelnen Lehrgegenſtänden mögen gewiß recht oft aus Geſundheitsrückſichten zu ertheilen ſein und werden dann ohne Weiteres gewährt; aber nicht ſelten will es dem Unter⸗ zeichneten ſcheinen, als ob dasſelbe Verlangen aus anderen Gründen geſtellt und eine und die andere Stunde ohne ſo zwingende Gründe verſäumt würde. Solche Dispenſationsgeſuche von einzelnen Lehrgegenſtänden pflegte ein früherer verdienter Schulinſpector mit der höchſt treffenden Antwort abzuweiſen:Hier wird nicht à la carte geſpeiſt. Auch die Unterrichtsgegenſtände bilden zuſammen ein Ganzes, nicht eine Menge, aus der man ohne Schaden den einen und anderen löſen kann. Möge auch dieſes beherzigt werden!