Jahrgang 
1930
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SheriffsAndere Seite.

Einige benutzten die ſeltene Gelegenheit, ſich im Schauſpielhaus die Aufführung von Sheriffs Die andere Seite anzuſehen.

Das Stück ſpielt im Unterſtand eines Schützengrabens. Die Engländer erwarten die deutſche Offenſive. Die Stimmung iſt gereizt. Die Neryven bis aufs äußerſte geſpannt. Seit Monaten erwarten ſie den Sturm. Sheriff gibt uns einen kleinen Ausſchnitt aus dem Stellungskrieg. Meiſterhaft ver- ſteht er es, die einzelnen Charaktere zu zeichnen. Dabei ſo wirklich, daß uns vollkommen das Gefühl ſchwand, nur eine Aufführung zu ſehen. Natürlich trugen das gute Spiel der Darſteller und die Büh- nentechnik weſentlich hierzu bei.

Aida.

.... Ausgezeichnet waren die Kräfte. Ueberwältigend war die Bühnenausſtattung Neben Mu- ſik und Spiel trat als Drittes noch die Farbe. Es wurde der Verſuch gemacht, durch Beleuchtung und Farbengebung den inneren Gehalt der Bilder noch mehr zum Ausdruck zu bringen. Dieſer Gedanke iſt neu. Er iſt nur mit Hilfe der modernen Beleuchtungstechnik durchzuführen.

1 Alles drei wirkte ſo gut zuſammen, daß man, auch ohne den Geſang zu verſtehen, dem Spiel folgen onnte.

Am beſten hat uns die Maſſenſcene des Einzuges der Sieger und die Tempelſcene gefallen. Rhein.

... Wir fahren ſtromab. Links und rechts Weinberge. Vor uns der Mäuſeturm. Erinnerungen an den Biſchof Hatto von Mainz werden wach. Rechts taucht eine alte Burg auf. Ehrenfels. Bis an den Fuß der Mauer ziehen ſich die Weinberge hinauf. Wir kommen näher. Noch verdeckt uns der vor- ſpringende Fels die Ausſicht ins weitere Rheintal. Unſere Blicke ſchweifen weiter. Oben auf der Höhe grüßt uns das Germaniadenkmal. Wie klein und unanſehnlich ſieht dieſes gewaltige Bauwerk von unten aus.

Wir fahren am Mäuſeturm vorbei. Ein neues Bild. Burg Rheinſtein. Ein Dampfer kommt auf uns zu. Dicke Rauchwolken quellen aus dem Schornſtein empor. Er führt die deutſche Flagge am Heck.

Aßmannshauſen taucht auf. Unſer Ziel. So ſchnell können wir uns nicht vom KRhein trennen. Wir halten nach links. Legen unterhalb der Burg Rheinſtein an. Ein kurzer Weg führt uns auf die Höhe. Ein prächtiger Ausblick auf den Fluß, Dörfer, Städte. Unter uns brauſt donnernd ein Zug vorüber.

Zu Fuß wandern wir an der Clemenskapelle entlang. Ein Auto nach dem anderen ſauſt an uns vorbei. Wir ſind erſtaunt über den gewaltigen Verkehr. Im engen Tal drängen ſich zwei Straßen und zwei Eiſenbahnlinien zuſammen.

Eine neue Ruine: die Falkenburg. Gewaltig dehnt ſie ſich aus. Zu ihren Füßen wiederum Wein- berge.

Wir ſchwenken links ab von der Straße. Ein ſtilles Tal nimmt uns auf. Eben noch das brauſende Leben, hier tiefſter Frieden. Obſtgärten. Rote Aepfel leuchten aus dem Grün...

Wir wandern zurück. Unſer Boot nimmt uns wieder auf. Stromauf geht die Fahrt. Langſam. Noch einmal genießen wir das prächtige Bild. Ein Dampfer kommt ſtromab. Wir ſchaukeln auf den Wellen. Donnernd fahren am Ufer unendlich lange Güterzüge dahin. Heiß brennt die Sonne herab.

Auf einer kleinen Inſel herrſcht lebhaftes Treiben. Möven haben ſich dort niedergelaſſen. Sie ſind ruhlos. Dauernd fliegt eine, mehrere zugleich hoch, kommt wieder herab. Ab und zu dringt ihr Schreien zu uns herüber.

Aßmannshauſen kommt. Leider viel zu früh. Wie unendlich gern wären wir noch weiterge⸗ fahren!.

Abſchied. Graue Wolken hängen am Himmel. Der KRegen läßt alles düſter und fremd erſcheinen. Der Zug ſteht zur Abfahrt bereit....

Als er anruckt, iſt es, als riſſe etwas in uns. Und dann iſt unſer Frankfurter Leben, das uns noch geſtern wie eine Gewohnheit, Selbſtverſtändlichkeit erſchien, ein kleines Ereignis in einem großen Tau- mel; und doch wieder wie ein ſtörendes Auftauchen in einer gewaltigen Ordnung: Wie Stern- ſchnuppen am nächtlichen Himmel ſind wir gekommen, verſchwunden. Hier und dort hat vielleicht zemad, aufgebllckr, vergeſſen.

Wir möchten uns dem Zuge entgegenſtellen. Aber als wir im Vorbeifahren in die langen, grauen Straßen, endlos-gleichen Mietshäuſerreihen ſehen, freuen wir uns auf zuhauſe. Irgendetwas iſt doch tot in dieſem haſtenden Treiben.