18
feste Soldatennatur von heiterer Gemütsart, einer tückischen Krankheit zum Opfer gefallen, nach- dem er viele Gefechte mit Ehren bestanden.
Von jungen Männern, die in den letzten Jahren von unserer Schule abgingen, hat der Sanitätsgefreite Wilhelm Göttelmann, der als liebenswürdiger, tüchtiger Schüler bei uns allen in bester Erinnerung steht, sein junges Leben dem Vaterlande geopfert und liegt auf dem Felde der Ehre bestattet. Und ganz kürzlich kam die überaus schmerzliche Nachricht, dass der helden- hafte Lutz Schmidt, dem das Leben eben efrst lachte, einer feindlichen Kugel erlegen ist. Um das Andenken der Genannten auch heute hier gebührend zu ehren, bitte ich euch, euch von den Sitzen zu erheben.
Auch die Schule, wie alle anderen Berufskreise, konnte sich der Einwirkung der ungewöhn- lichen Begebenheiten nicht entziehen. Man suchte anfangs schier vergebens, jenes Gleichmass der Ruhe und Sammlung zu gewinnen, das für den Unterricht notwendig ist. Es gab zu viel des Erhebenden, des Erschütternden, des schmerzlich oder freudig Bewegenden, von den äusseren Störungen und Hindernissen ganz abgesehen Aber der Mensch gewöhnt sich an alles, auch an das Gewaltige und Schreckliche. Allmählich hat sich alles wieder auf seine Berufstätigkeit besonnen. Man hat sich gesagt: wenn draussen im Feld unsere Leute ihr Bestes einsetzen, dann dürfen wir zu Hause nicht rasten. Wir müssen dafür sorgen, dass die wirtschaftlichen Kräfte unseres Vaterlandes nicht versagen und müssen eifriger arbeiten denn je; vor allem darf die Schule die Heranbildung eines arbeitsfreudigen, entsagungsfähigen, ausdauernden Geschlechtes nicht aus dem Auge verlieren.
Die Schuljugend darf und soll die Zeitereignisse mit innigster Teilnahme verfolgen, denn der Krieg selbst ist ein grosser Lehrmeister; aber die geregelte Berufsarbeit vernachlässigen darf sie nicht. Man kann das eine tun und braucht das andere nicht zu lassen. Wir Lehrer fühlen selbst mit der begeisterungsfreudigen Jugend. Und wo es die Stimmung des Tages er- heischt, da lassen wir Milde und Nachsicht walten und tun gerne ein Übriges; aber leicht- fertiges Wesen darf nicht einreissen. Niemand weiss, wie lange der schreckliche Krieg dauern wird. Und wenn endlich der Friede sich wieder auf die verwundeten Völker senkt, dann brauchen wir erst recht eine schulmässig tüchtig ausgebildete Jugend. Denn dass nicht allein unsere militärische Ausbildung, sondern auch unser Schulunterricht uns einen grossen Vorsprung vor den anderen Völkern verleiht, das merken unsere Jungmannschaften draussen im Feld Tag für Tag am eigenen Leib.
Und so erleben wir denn zu Hause das tröstliche Schauspiel, dass alle Volksgenossen eifriger an der Arbeit sind, denn je. So ist es in den einzelnen Berufszweigen, so ist es auf dem Gebiet der öffentlichen Wohltätigkeit: Hütte und Palast wetteifern. Die arme Waschfrau spendet ihre sauer ersparten Pfennige dem Roten Kreuz, und unsere edle Landesmutter, die Grossherzogin Eleonore, nimmt alle fürsorgenden Bestrebungen in ihren Schutz.
Und Seine Königliche Hoheit der Grossherzog, dessen Geburtstag wir heute feiern? Er hat seit Beginn des Krieges zu Herzen gehende Beweise landesväterlicher Liebe an den Tag gelegt. Schon als die Fahnenabteilung des Leibdragonerregiments, des ersten, das ausrückte, in der Stunde des Abschieds auf dem Marktplatz in Darmstadt stand, umringt von Tausenden, da war auch der Grossherzog erschienen, um seine lieben treuen Hessen noch einmal zu sehen. Seine Augen konnten sich der Tränen nicht erwehren. Es waren Tränen der Freude und des Stolzes über das Bild von Kraft und Glanz seines streitbaren Regiments, aber auch Tränen bitterer Wehmut bei dem Gedanken, dass gar mancher von den ausrückenden Kriegern — ach, so bald— ins kühle Grab sinken werde. Noch als das Regiment abgezogen war, stand der Grossherzog geraume Zeit da und sah seinen Landeskindern nach.
Und als am Abend des nämlichen Tages das Infanterie-Regiment 115 im Begriffe war, sich von dem Landesherrn zu verabschieden, da ereignete sich folgende rührende Begebenheit, die den zahlreichen Augenzeugen wohl nie aus der Erinnerung schwinden wird. Im Regiment befand


