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Alle Stände wetteiferten in Treue und Hingebung an das Vaterland: Fürst und Bauer, Handwerker und Kaufmann, Künstler und Gelehrter suchten die Fahne auf, an die Hörsäle der Hochschulen pochte es mit eiserner Faust: Burschen heraus! Auch die Schüler der Oberprimen wollten nicht zurückstehen. Sie durften die Notprüfung ablegen und zogen dann des Kaisers Rock an, um in beschleunigter Waffenübung sich für den Felddienst zu bereiten. Vierzehn von unseren Abiturienten rückten als Freiwillige oder als Fahnenjunker ein, sogar zwei Obersekundaner entschlossen sich, kaum siebzehnjährig, den Schützengraben mit der Schulbank zu vertauschen. Mit herzlichen, tiefbewegten Worten, teils mündlich teils schriftlich, nanmen unsere jungen Leute von der Schule Abschied. Einen Abschiedsbrief, den des Oberprimaners Eugen Bleyer, will ich euch mitteilen. Entsprechend dem vielsagenden Schritt, den er tut, wirft er einen Blick zu- rück auf das, was er verlässt, und einen Blick auf das, was da kommt. Es lautet:
Mainz, 6. Oktober 1914.
Hochverehrter Herr Direktor!
Ew. Hochwohlgeboren beehre ich mich ergebenst mitzuteilen, dass ich seit dem 10. August als Fahnenjunker beim Inf.-Regt. 117, Ersatz-Bat. 2. Komp. stehe.
Heute Abend wird unser Bataillon, darunter auch ich, zur Front ausrücken. Da ist es mir ein herzliches Bedürfnis, Ew. Hochwohlgeboren meinen warmen Dank auszusprechen für all das Gute, was ich Ihrer geschätzten Anstalt und der Mühewaltung aller meiner hochverehrten Herren Lehrer verdanke. Ich freue mich mithelfen zu können, dass unserem lieben Vaterland Freiheit und Recht und deutscher Wissenschaft und Bildung eine Freistätte erhalten bleibe. Möge Gott mit uns und unserer gerechten Sache sein.—
Indem ich Ew. Hochwohlgeboren auch ferner ein reiches gesegnetes Wirken und das beste Wohlergehen und unserem lieben Neuen Gymnasium in seinem Bestand und seiner heiligen Arbeit alles Gute wünsche, bin ich mit dem Ausdruck tiefster Ehrerbietung
Ew. Hochwohlgeboren
stets dankbarer und sehr ergebener Eugen Bleyer.
Herr Professor Kraemer, Hauptmann d. Res., war schon in den Ferien zu seinem Regiment in Bautzen abgegangen. Bereits hat er Gelegenheit gefunden, sich das eiserne Kreuz zu ver- dienen für hervorragende Umsicht und Tapferkeit in der Schlacht auf dem geschichtlichen Boden von Tannenberg, Herr Professor Bitsch, Leutnant d. Res., steht im Felde bei Sedan, Herr Ober- lehrer Metzner ist bereits Blutzeuge geworden und kam als Verwundeter zurück. Herr Lehramts- assessor Baas, Leutnant d. Res., kämpft in Belgien gegen die Engländer. Die Herren Professor Dr. Wißmann, Reallehrer Grünschlag, Schulverwalter Le Claire sind ebenfalls einge- zogen, aber im hiesigen Garnisondienst tätig.
Leider hat uns der Krieg bereits schmerzliche Verluste gebracht. Mit tiefer Wehmut, aber nicht ohne Stolz erwähne ich, dass Herr Referendar Egger und Herr Assessor Jockel, zwei vielversprechende junge Lehrer und liebenswürdige Amtsgenossen, die noch zu Beginn des Sommer- halbjahres an unserer Anstalt wirkten, auf dem Felde der Ehre den Heldentod für das Vaterland gestorben sind. Ebenso ist unser treuer und biederer Pedellgehilfe Franz Rippert, eine kern-


