Jahrgang 
1913
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§ 15.

Hinsichtlich des Unterrichtsbetriebs unterscheidet sich die Frauenschule, dem vorge- schrittenen Alter ihrer Zöglinge entsprechend, von der Höheren Mädchenschule durch grössere Freiheit des Lehrens und Lernens, und mehr noch, als es in jener möglich ist, sucht sie auf die Erziehung zur Selb- ständigkeit und Selbsttätigkeit hinzuarbeiten. Zur Erreichung dieses Zieles muss sie aber doch wenigstens ein gewisses Mass häuslicher Vorbereitungsarbeit von ihren Schülerinnen verlangen, von deren Einsicht und Ehrgefühl erwartet wird, dass sie auch ohne äusseren Zwang ihre Pllichten stets sorgfältig und gewissenhalt erfüllen.

Laut Verfügung Grossherzoglichen Ministeriums vom 7. XI. 1912 wurde mit der Leitung

der Mainzer Frauenarbeitsschule vereinbart, dass Schülerinnen unserer Frauenschule, die nach einjährigem Besuche dieser Schule in die Seminarabteilung für Kindergärtnerinnen eintreten wollen, von dem 1 ½ jährigen Ausbildungskursus ĩ½ Jahr erlassen werden soll, während nach zweijährigem Besuche unserer Frauenschule nur noch ĩ½ Jahr Ausbildung in der Seminar- abteilung der Frauenarbeitsschule verlangt werden wird.

Zwischen der Grossherzoglich Hessischen und der Königlich Preussischen Regierung ist mit Gültigkeit vom 1. Januar 1912 ab eine neue Vereinbarung dahin getroffen worden, dass die Zeugnisse über die bestandene Fachprüfung an den hessischen Höheren Lehrerinnen- seminaren und die Zeugnisse über die bestandene Lehramtsprüfung an den Oberlyzeen in Preussen gegenseitig als gleichwertig anerkannt werden, und zwar berechtigen die erwähnten hessischen Zeugnisse auch zur Anstellung an Volksschulen im Königreich Preussen, während die erwähnten preussischen Zeugnisse auch zur Anstellung an Volksschulen im Grossherzogtum Hessen berechtigen sollen.(Verfügung vom 6. XI. 1912).

Die C-Klassen entlassen Ostern d. Js. den ersten Jahrgang von Schülerinnen, die das 8stufige Klassensystem mit nur einer fremden Sprache von unten an bis oben hin ganz durchlaufen haben. Beide Anstalten, die mit 8 und die mit 10 Jahreskursen, haben bekanntlich einen gemeinschaftlichen Unterbau; die Gabelung tritt erst mit dem 4. Schuljahr ein. Zur Entlassung aus Klasse 3c kommen demnach diesmal diejenigen Schülerinnen, die Ostern 1905 schulpflichtig wurden bezw. Ostern 1908 in Klasse 7c eingetreten sind. Diese wurden nach einem auf 8 bezw. 5 Schuljahre berechneten Lehrplan unterrichtet, der es ermöglichte, die Ausbildung der Mädchen zu einem gewissen Abschluss zu bringen, auf den sie, wären sie aus 3a oder 3 b ausgetreten, unter allen Umständen hätten verzichten müssen. Durch Wegfall des Englischen und der Mathematik einerseits sowie durch stärkere Betonung des Deutschen, Französischen und Rechnens andererseits konnte dieser Abschluss erreicht werden. Wie die Erfahrung gelehrt hat, entspricht die Einrichtung der C-Klassen wirklich einem sich von Jahr zu Jahr stärker bemerkbar machenden Bedürfnis. Die C-Klassen sind keine Mittel- schule dies kann nur behaupten, wer weder diese noch jene kennt sie sind auch keine Anstalt für Minderbegabte, ebensowenig eine Schule für Kinder geringerer Leute, und wie die Bezeichnungen alle lauten, mit denen man vielfach glaubte sie beehren zu müssen. In Wirklichkeit bilden sie eine nur 8 bezw. 5 Schuljahre umfassende Abzweigung von dem 10-stufigen Klassensystem, mit einem die Erreichung des angedeuteten Ziels be- zweckenden und deshalb wesentlich abgeänderten Lehrplan, von vornherein für solche Mädchen bestimmt, welche nicht länger als bis zur Erfüllung ihrer Schulpflicht die Höhere Mädchenschule besuchen sollen. Dass gelegentlich das eine oder andere Kind aus Gesund- heitsrücksichten oder wegen Lernschwierigkeiten während seiner Schulzeit aus der 10 stufigen Anstalt in die 8ͦstufige übertritt, tut dem Charakter der C-Klassen an sich keinen Abtrag.

Der Werkunterricht in der 10. Klasse hat sich bis jetzt durchaus bewährt und wird darum auch fernerhin beibehalten werden. Mit dieser Neuerung haben wir die Reform des Elementarunterrichts unserer Vorschule eingeleitet. Man würde uns aber mit Recht der Halbheit zeihen, wollten wir nach diesem ersten Schritt schon Halt machen. Unsere