11
Mit ihm scheidet ein trefflicher Lehrer aus dem Dienst an der heranwachsenden Jugend. Eine frische, kernige und plastische Unterrichtsweise, die stets zu fesseln verstand, war ihm eigen. Als ein Mann, der durch viele und ausgedehnte Reisen im Abend- und Morgenland Land und Leute kennengelernt und seine angeborene Beobachtungsgabe geschult und geschärft hatte, wusste er im Unterricht der griechischen Literatur und der alten Geschichte, seinen Lieblingsfächern, nach den mannigfachsten Seiten hin immer anregend und stets neue Betrachtungsweisen weckend zu wirken.
Aber nicht blosse Kenntnisse wollte er übermitteln. Als Anhänger einer ethisch gerichteten Pädagogik war er der Ansicht, dass Unterricht und Erziehung untrennbar zusammengehören. Es sei nur erinnert an sein vortreffliches Buch„Materialien zur Herodotlektüre mit Rücksicht auf verwandte Gebiete und im Sinne des erziehenden Unterrichts. XI. 202 S. Heidelberg 1908 Winters Universitätsbuchhandlung“. Er hat sich daher auch nie dazu verstanden, aus der höheren Schule eine blosse Lernschule, Verstandesschule, Intellektschule und wie die Vorwürfe alle heissen mögen, mit denen eine neuzeitliche Pädagogik die noch vor kurzem auf der ganzen Welt aner- kannte deutsche höhere Schule zu überschütten pflegt, zu machen und darüber die sittlich- erzieherische Seite der Bildungsarbeit zu vernachlässigen. Er wachte während der langen Zeit seiner Schulleitung mit Strenge darüber, dass gearbeitet wurde, nicht um den Verstand mit einer Fülle von Einzelkenntnissen auszustatten, sondern um an und durch den Bildungsstoff dem Leben
brauchbare und charaktervolle Persöfflichkeiten heranzubilden, die sich selber vorzustehen ver- möchten und dadurch anderen Führer und Vorbild zu werden in der Lage wären. Er war selbst ein Mann gründlicher, gewissenhafter, pflichttreuer, sachlicher Arbeit und konnte den Wert einer gediegenen Arbeitsleistung als ein hervorragendes Erziehungs- und Charakterbildungsmittel nicht hoch genug anschlagen.
Auch für sein Amt als Direktor brachte er nicht alltägliche Gaben mit und verstand es, sich durch seine treffsichere, entschiedene, gerechte und in allem wohlwollende Dienstführung die Achtung und Verehrung der Kollegenschaft zu erwerben und sie als schönsten Lohn seines Wirkens in die Zeit seines Ruhestandes mit hinüberzunehmen.
Als eine scharf umrissene, in sich geschlossene Persönlichkeit, die mit treffendem Urteil das Wesentliche in Theorie und Praxis erfasste, war er allem Schein und aller Phrase, aller Tändelei und Spielerei abhold, am abholdesten der pädagogischen Phrase mit ihrer oft ebenso anmassenden wie oberflächlichen Kritik und ihrer schnellbereiten Neuerungssucht. Nicht dass er ein einseitig- starrer Vertreter der gymnasialen Bildung in philologischer Verengung gewesen wäre, für die Notwendigkeit der Ergänzung der philosophisch-historischen Bildung durch die mathematisch- naturwissenschaftlichen Disziplinen hatte er volles Verständnis— die physikalische Sammlung seiner Anstalt würde jedem Universitätsinstitut zur Zierde gereichen— und mit gleicher Wärme trat er für die Pflege der bildenden Künste, der Musik und des Zeichnens an den höheren Schulen ein. Mit grosser Freude begrüsste er es auch, als vor vier Jahren die philosophische Propaedeutik in den Unterricht der Primen aufgenommen wurde.
Nicht gering sind ferner die Verdienste, die sich Herr Geh. Schulrat Dr. Helm als Mitglied und dann als Vorsitzender der„Zentralkommission für das Schulwesen des besetzten hessischen Gebietes“ erworben hat. Schwere Zeiten lasteten nach Beendigung des Krieges auf
dem besetzten Gebiete unseres Staates, und die Verwaltung Rheinhessens war von den Zentral- behörden in Darmstadt auf Monate abgeschnitten. Da war es nicht zum geringsten der praktischen Klugheit und dem verwaltungstechnischen Geschick des Herrn Geh. Schulrats Helm zu verdanken, dass der Unterrichtsbetrieb in den höheren und Volksschulen der besetzten rheinhessischen Provinz ungestört seinen Fortgang nehmen und das rheinhessische Schulwesen nach fast einjähriger Dauer der Trennung der Zentralbehörde in Darmstadt wieder unversehrt übergeben werden konnte. Nur ungern sahen Lehrer, Eltern und Schüler den ausgezeichneten Schulmann, den allzeit


